Klartext

Heribert Prantl, Leiter der innenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung, hielt auf der Auftaktveranstaltung des Gesellschafter-Projekts am 11. März 2006 in Berlin eine bemerkenswerte Rede. Bemerkenswert, weil er wohltuend phrasenarm Klartext redete, zu Bildung, Arbeitslosigkeit, Kinder- und Familie, den Umgang mit alten oder behinderten Menschen und vielem mehr an. Ein Haufen Text, aber er lohnt sich. Auch und gerade, wenn man nicht der selben Meinung wie Prantl sein sollte.

Wobei ich meistens einer Meinung mit Prantl bin. Z. B. hier:

Vielleicht sind dafür andere Gaben notwendig als diejenigen, die man braucht, um zu „rationalisieren“. In den vergangen Jahren sind nicht nur Wirtschaftsbetriebe, sondern auch Universitäten, Schulen, Kinderläden, Schwimmbäder und Bibliotheken rationalisiert worden. Es gibt einen blauäugigen Glauben daran, man könne auch noch aus einem Gefängnis ein Profit-Center machen. Rationalisierung bedeutet üblicherweise, dass man das Geld für zehn, hundert oder tausend Leute spart, wenn man zehn, hundert oder tausend Leute „freisetzt“. Eine Massenentlassung gilt jedenfalls den so genannten Analysten als unternehmerische Leistung. Betriebswirtschaftliche Rationalität ist an die Stelle der Ratio, an die Stelle der Vernunft der Aufklärung getreten.

Rede Heribert Prantl

via Sven Scholz

Ja, Prantl ist bestimmt kein klassischer Vertreter einer liberalen Wirtschaftspolitik. Aber trotzdem …

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20 Kommentare zu “Klartext”

  1. R.A.
    22.06.2006 | 18:30

    Mein Gott, der Prantl.
    Einer der niveaulosesten und vorurteilbeladensten deutschen Journalisten – linker Stammtisch.

    Wie der Ausschnitt zeigt, hat er auch von Rationalisierung nicht die mindestse Ahnung.

    Was ihn natürlich nicht hindert, die üblichen Phrasen dazu abzusondern.

    Und da soll ich mir die ganze Rede antun?

  2. 22.06.2006 | 18:30

    Prantl ist nicht neoliberal. Aber dadurch u.U. liberaler als viele, die sich diese Bezeichnung aufs Revers heften. Wie ich den Begriff “liberal” verstehe achtet der nämlich auch auf die Freiheit – angefangen schon bei der Ermöglichung zu gleichen Chancen jener – für jeden.

  3. 22.06.2006 | 18:44

    Hmpf, wenn der Pramtl mal wieder predigt.

    Aber um ehtlich zu sein: Bis auf den letzten Satz kann ich dem Zitat sogar zustimmen.
    Massenentlassungen haben mit “betriebswirtschaftlicher Rationalität” nichts zu tun, das sind phantasielose Maßnahmen von Kostenminimiereren ohne Sinn und Verstand (soweit das von außen beurteilbar ist)

  4. 22.06.2006 | 18:57

    Ich darf aus dem Zitat den Satz herausnehmen, der meinen scharfen Widerspruch hervorruft:

    Rationalisierung bedeutet üblicherweise, dass man das Geld für zehn, hundert oder tausend Leute spart, wenn man zehn, hundert oder tausend Leute „freisetzt“.

    Nein. Das bedeutet Rationalisierung gerade nicht. Rationalisierung bedeutet eine vernünftigere und effizientere Nutzung von Ressourcen, eine vernünftigere und effektivere Gestaltung der betrieblichen Prozesse, eine vernünftigere Planung, Steuerung und Kontrolle …

    Rationalisierung auf Stellenabbau zu reduzieren: das darf man in einer vernünftigen Diskussion nicht durchgehen lassen.

    Aber auch das pauschale Abqualifizieren eines Publizisten finde ich hier überhaupt nicht in Ordnung. Wir sind liberal genug, um offen über Heribert Prantl und seine Artikel diskutieren zu können. Wir können uns auf Argumente konzentrieren.

  5. Hardy
    22.06.2006 | 20:13

    @stefanolix
    Aber Du musst doch selbst zugeben, dass, nicht nur in Deutschland übrigens, Rationalisierung meistens durch Stellenabbau betrieben wird, und zwar koste es was es wolle. Hauptsache der Gewinn der Aktionäre steigt noch höher. Bestes Beispiel war doch auch die Deutsche Bank, als gleichzeitig mit dem höchsten Gewinn aller Zeiten auch die Entlassung von 30000 Angestellten angekündigt wurde, zur weiteren “Gewinnmaximierung”. Statt Steuern und Sozialabgaben von selbigen zu bekommen, muss der Staat jetzt für sie aufkommen.

  6. 22.06.2006 | 20:58

    Mit einem kleinen Beitrag ein Riesenfass aufgemacht. Martin provoziert, das finde ich gut :-)

    Natürlich ist “Rationalisieren” in seiner landläufigen Bedeutung (stefanolix hat zurecht auf den Zusammenhang mit dem Wirtschaften schlechthin hingewiesen) nie eine offensive Maßnahme. und nichts, was langfristig weiterbringt. Wem außer “Sparen” nichts einfällt, der wird nicht weit kommen.

    Nur hilft uns dieses Theoretisieren überhaupt nicht weiter. Die eigentliche Frage ist doch, warum bestimmt Unternehmen in Deutschland mit Vorliebe gerade zu diesem Mittel greifen. Weil die Manager besonders unfähig sind? Weil die große neoliberale Verschwörung dahinter steckt? Nein, ich fürchte, die Antwort ist viel schlimmer: Sie “rationalisieren”, weil sie so ihren Gewinn erhöhen können (die Betonung liegt hier auf “können”, denn dass sie den Gewinn auf jeden Fall erhöhen “wollen”, das ist ihr Job). Das heißt, die Rahmenbedingungen legen ihnen dieses Verhalten geradezu ans Herz. Denn was viele vielleicht jetzt heftigst überraschen wird: Dieses ach so üble Prinzip der ruchlosen Gewinnmaximierung ist auch schuld, dass die Leute, die jetzt entlassen werden sollen, überhaupt eingestellt wurden.

    Es ist völlig normal, dass auch Wirtschaft sich weiterentwickelt: alte Industrien fallen zurück, neue Industrien und vor allem Dienstleistungen entstehen. Das deutsche volkswirtschaftliche Manko ist ein Mangel an Weiterentwicklung, der von einem in allen Bereichen das Bestehende konservierenden Staat noch gefördert wird. Wenn man sich z.B. Sinns “Basar-Ökonomie”-Polemik anschaut, dann ist genau das der gern übersehene Kern seiner Kritik: Deutschland hinkt bei der Umwidmung seiner Ressourcen hinterher. Wir legen sie lieber brach.

    Es gibt bestimmte Gründe, warum Entlassungen bei Großkonzernen immer in Form von Massenentlassungen vorkommen. Der eine ist in einem Manager-Kapitalismus systemimmanent: Alte Köpfe verteidigen ihre Fehlentwicklungen, bis neue kommen, die dann Versäumnisse von mehreren Jahren wettmachen müssen. Ein anderer ist arbeitsrechtlich naheliegend: Ich muss nicht tausend Mal begründen und belegen, warum ein Arbeitsplatz überflüssig wird, sondern nur einmal, warum Tausende überflüssig werden. Letzteres ist wesentlich einfacher.

    Aber vergessen wir eins nicht bei all dem publizistischen Gebimmel: Die Konzerne sind zweitrangig. Die meisten deutschen Arbeitsplätze gehen nicht durch Massenentlassungen verloren, sondern still und heimlich durch Abertausende von Einzelentscheidungen. Solchen, die getroffen, und solchen, die nicht getroffen werden.

    Stimmt, stefanolix, man muss Prantl nicht abwerten. Trotzdem bin ich es gewohnt, von ihm plattes Gewäsch zu hören. Sorry, Martin.

  7. 22.06.2006 | 21:00

    Ich sag immer: Bei Entlassungen gibt es nur zwei Möglichkeiten.

    Entweder, die Entlassenen wurden eigentlich noch gebraucht. Dann schadet sich das Unternehmen selbst und der Wettbewerb wird belohnt (und kann die Entlassenen vielleicht sogar einstellen).

    Oder die Entlassenen wurden nicht gebraucht. Dann … ja, dann kann man nicht ernsthaft verlangen, dass sie weiter beschäftigt werden.

  8. 22.06.2006 | 21:01

    Unabhängig von den aktuellen Ankündigungen und denen, die wir in den letzten Monaten und Jahren zu ertragen hatten, habe ich persönlich, also in meinem beruflichen Umfeld, nur die Erfahrung gemacht, die Prantl hier beschrieben hat, und es waren nicht nur deutsche Unternehmen.

    Rayson fragte eute, weshalb Unternehmen überhaupt Begründungen für Entlassungen geben sollten. Schließlich wäre dieses bei Neueinstellungen ja auch nicht der Fall. An der Stelle frage ich dann mal zurück, ob wir es alle miteinander für richtig halten, wenn Tausende von Menschen zumindest vorübergehend in die Arbeitslosigkeit geschickt werden, ohne dass dafür eine auch nur halbwegs plausible Erklärung in der Öffentlichkeit zu hören ist. Wie meinte heute der Pressesprecher der Allianz? “Es soll damit die Basis für ein gesundes Wachstum gelegt werden”. Toll. Und das bei einem Jahresüberschuss von 4,5 Mrd. €.

    Ich sehe ein, dass wir keinen Anspruch auf eine Erklärung haben aber heißt das, dass wir auch keinen verlangen dürfen?

  9. 22.06.2006 | 21:07

    Die beiträge Boches und Raysons haben sich mit meinem gekreuzt. Es ist eben wie immer. Hier die reine Lehre, dort, wie nanntest du es, Rayson, plattes Gewäsch. Eine Diskussion sollte mit Argumenten geführten werden. Einverstanden. Aber Vorhaltungen dieser Art sind nicht überzeugend. Die Kontroversen haben für meine Begriffe in erster Linie damit zu tun, dass wir in Deutschland keine ausreichenden Erfahrungen mit “reiner” Marktwirtschaft gemacht haben. Deshalb habe ich Angst davor, die Spielregeln so umfassend zu verändern, wir das hier so gern und penetrant gefordert wird. Dafür sollte man doch etwas mehr Verständnis haben.

  10. 22.06.2006 | 21:14

    @apollon

    Argumente – gerne! Wo sind die von Prantl? Einfach nur merkbefreit und normativ in die Welt zu blasen “So soll es nicht sein”, ist jedenfalls keins.

    Und was die Begründung betrifft: Ich habe bei dir schon heute nachmittag einen Link zum Interview mit dem Allianz-Chef gepostet. Der sagt wesentlich mehr dazu, also tu bitte nicht so.

    Und nochmal, auch wenn du es wieder nicht aufnehmen wirst: Das “in die Arbeitslosigkeit entlassen”, das ist das Problem. Das kann aber nicht auf der Ebene des Unternehmens gelöst werden, das bei sich Ineffizienzen erkannt hat. Wer Entlassungen schlimm findet, muss auch Nichteinstellungen schlimm finden, ansonsten bestraft er jene, die es wenigstens schon mal mit mehr Leuten versucht haben. Also apollon, bitte rechtfertige dich öffentlich, warum du kein Unternehmen mit 200 Mitarbeitern gründest!

  11. 22.06.2006 | 21:29

    Weil ich bestimmt nicht das Zeug dazu habe. Und ich meine nicht das Geld!

  12. Parker8
    22.06.2006 | 23:26

    @Rayson
    Gehen wir bei aller kreativen Zerstörung ruhig davon aus, dass Manager für Entlassungen in der Regel belohnt werden (z.B. im Wege von Optionen). Und dass sie selber für die strategische Weisheit ihrer Entscheidung nicht mehr gerade stehen müssen. Die stellt sich erst nach Jahren heraus, und dann nehmen die wenigsten Anleger das zum Anlass, in der Unternehmenshistorie zu wühlen. – Das ist das Managerparadigma unserer Zeit.

  13. 22.06.2006 | 23:42

    @Parker8

    Nein, das ist kein neuer Gesichtspunkt. Die Frage ist und bleibt: Warum entlassen Manager bei uns lieber, und warum steigen deswegen die Kurse?

    Der Kapitalmarkt besteht ja nicht aus Idioten, die begeistert davon wären, wenn ein Unternehmen Wachstumspotenzial abbaut.

  14. Parker8
    23.06.2006 | 0:02

    @Rayson

    Sie unterschätzen die Wirkung nicht-rationaler Muster. Denken Sie an den deutschen China-Boom der letzten Jahre. Natürlich gab und gibt es gute Argumente für die Investition in China. Aber das allein erklärt den Run nicht. Es trat eben irgendwann der Punkt ein, wo jeder zweite mittelständische Werkzeugmaschinen-Geschäftsführer von sich sagen wollte “Wir sind jetzt auch in China”.

    Und ähnlich verhält es sich mit den Entlassungen: Neben vielen rationalen Erwägungen gibt es für Konzerne einen gewissen Konformitätsdruck, in Deutschland zu entlassen.

  15. 23.06.2006 | 0:18

    @Parker8

    Klar, Herdenverhalten gibt es. Aber Deutschland ist vom Volumen her erstens viel zu gering, um sowas auf den internationalen Märkten auszulösen. Und zweitens kommt dieser Herdentrieb bevorzugt, wie in deinem Beispiel, bei Wachstumsstories zum Tragen, wo in der Regel viel Raum für Irrationalität, also Wünsche, Hoffnungen und die wahrscheinlich dominierende Gier, besteht.

    Entlassungen sind immer Krisensymptome. Da schaut man genau hin. Deshalb greifen meist auch nur die Unternehmen zu diesem Mittel, bei denen eigentlich fast alle Experten diese Maßnahmen auch für überfällig hielten. Dass daraus Kurssteigerungen resultieren, ist zwangsläufig – sie sind dann nur Korrekturen vorheriger Abschläge.

  16. Boche
    23.06.2006 | 11:53

    Inzwischen wird aus einem lächerlich klingenden Gedanken knallharte SPD-Politik:

    Hessens SPD-Chefin Ypsilanti fordert, rentablen Konzernen betriebsbedingte Kündigungen zu untersagen.

    (Gefunden bei Nessi)

  17. 23.06.2006 | 12:25

    Das hat die doch schon einmal vorgebracht. Sowas erinnert mich immer an den Spruch, den ich bei dol mal im Profil hatte:

    Immer wird es Eskimos geben, die den Eingeborenen von Belgisch-Kongo
    Verhaltensregeln für die Zeit der großen Hitze geben werden.

    Stanisław Jerzy Lec

  18. 24.06.2006 | 0:47

    Ich diskutiere das fast jeden Tag mit meinem Lebensgefährten. Er ist der ebenfalls der Ansicht, rentablen Unternehmen sollten per Gesetz Entlassungen verboten werden. Ich habe mittlerweile eine Standardantwort darauf entwickelt:

    “Gut. Aber im gleichen Gesetz muss dann drinstehen, dass du nicht mehr bei Aldi einkaufen darfst, sondern nur noch im Feinkostladen, solange du noch Hauseigentümer bist. Erst muss das Haus verballert werden, dann darfst du sparen. Schließlich hast du ja noch Kapital – also gibt es für dich keinen Grund, günstige Angebote zu suchen”.

    Langsam, aber sicher versteht er wohl, was ich meine. Hoffe ich jedenfalls.

  19. 24.06.2006 | 1:03

    @Karsten

    Geschickt :-) Bist du Pädagoge oder so? Mir fielen solche Sachen, die anderen unmittelbar einleuchten, nie ein. Das ist fast ein déjà vu – obwohl ich ungefähr 10x mehr über Computer weiß als meine Liebste, ist nur sie es, die Anfängern etwas beibringen kann… Das soll jetzt nicht etwa andeuten, ich wüsste über Wirtschaft 10x mehr als du (ganz sicher nicht!), sondern vor allem meine Bewunderung gegenüber professionellem Lehrpersonal zum Ausdruck bringen.

    Vielleicht solltest du ihm noch beibiegen, dass seine Vorstellung ja diejenigen Unternehmen begünstigen würde, die sich bei Einstellungen besonders zurückhalten, während die Betriebe, die es trotz allen Risikos einfach mal probieren (also eher die Kategorie, die man sich wünscht), dann die A…Karte gezogen hätten.

    Man müsste dann schon eine Kennziffer Mitarbeiterzahl/Eigenkapitalrendite festlegen, um alle gerecht zu behandeln, und das würde dann natürlich auch Zwangseinstellungen bedeuten. Wer das noch gutheißt, dem wäre dann allerdings wirklich nicht mehr zu helfen.

  20. 24.06.2006 | 11:01

    @Rayson:
    Oh, ich glaube schon, dass du um einiges mehr von Wirtschaft verstehst als ich. Ich bin da alles andere als ein Experte – aber bei dem überragenden Desinteresse an wirtschaftlicher Grundbildung, das unsere Mitmenschen leider so haben, fühle ich mich mit meinem Wissen manchmal schon als Fachmann.

    Vielleicht kommt bei mir am Ende mal der Sozialpädagoge raus. Bisher habe ich nur einige Jahre Erfahrung mit Computerschulungen für teilweise völlig unerfahrene Leute. Da lernt man einiges über einfache Bilder und Vergleiche.

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