FIFAFu und Beflaggungsverbot

Die Fußball-WM FIFA WM 2006™ bringt sonderbare Verbote mit sich.

Dem Kommentator Hardy verdanke ich den Hinweis darauf, dass der Polizeipräsident in Berlin die Beflaggung von Dienstfahrzeugen der Berliner Polizei untersagt hat:

Der Ukas des Behördenchefs ist deutlich: “Polizeibeamte im Dienst sind auch während der WM nicht in ihrer Eigenschaft als deutsche Fußballfans unterwegs”, stellt Polizeipräsident Dieter Glietsch in einer Dienstanweisung fest. Und weiter: “Sie sollten deshalb ihr im Einzelfall notwendiges Einschreiten gegen Fans anderer Nationalmannschaften nicht dadurch erschweren, dass sie durch das demonstrative Mitführen von Fanartikeln ein solchen Eindruck erwecken.” (Quelle: Berliner Zeitung)

Die deutsche Fahne als “Fanartikel”? Auf die Idee muss man erstmal kommen. Ich dachte bisher immer, die Bundesflagge sei ein Hoheitszeichen, vgl. auch Art. 22 GG. Dass Berliner Polizisten mitunter bei Auseinandersetzungen zwischen Gruppen unterschiedlicher Nationalität Präferenzen erkennen lassen, weiß ich, seit ich vor mehreren Jahren im Rahmen des bei Rechtsreferendaren beliebten Programms “Eine Nacht mit der Berliner Polizei” in einer Polizeiwache folgenden Dialog miterleben durfte:

Polizist A (über Funk): Schlägerei zwischen Albanern und Türken in der Kneipe ….-Straße/Ecke …-Straße

Polizist B (in der Wache): Ick setze uff die Türken!

Aber dass solche Präferenzen sich durch das Beflaggungsverbot ändern, wage ick doch stark zu bezweifeln, wa.

Prompt fordert daher die CDU-Opposition, im Rahmen von “mehr Gelassenheit” die Privatbeflaggung polizeilicher Dienstwagen wieder zuzulassen. “Wir alle sollten Patrioten sein”, sagt der CDU-Innenpolitiker Frank Henkel und verlangt von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Rücknahme des Fahnenverbots. Der Senator hat jedoch anderes zu tun und verweist auf die Neutralitätspflicht der deutschen Polizei. “In die Herzen der Beamten kann aber niemand schauen”, lässt Körting seinen Sprecher sagen.

Im Tagesspiegel finden sich folgende Bonmots:

Henkel forderte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) auf, das Verbot zurückzunehmen. FDP-Fraktionschef Martin Lindner findet, Glietsch solle ein Auge zudrücken.

Doch so einfach ist die Sache nicht: Die Beflaggung von Dienstfahrzeugen – ob Jubelfahne oder Trauerflor – sei immer nur auf ausdrückliche Anordnung möglich, heißt es bei der Polizei. „Es geht um Wiedererkennbarkeit und um Neutralität.“

Ähnlich sieht Senatssprecher Michael Donnermeyer den Fall: „Spaß sollen hier die Fans haben.“ Bei Streitigkeiten zwischen Fans gerate die Autorität der Polizei in Gefahr, wenn sie nicht neutral auftrete.

Also, ich weiß ja nicht, aber die Wiedererkennbarkeit dürfte sich durch das Vorhandensein von Hoheitszeichen eher noch erhöhen. Und Spaß haben dürfen die armen Polizisten auch nicht! Soweit ich sehen kann, gibt es aber für dieses Spaßverbot noch keine Anordnung des Polizeipräsidenten. Das sollte er schleunigst nachholen.

Interessant ist auch, dass es mit einer anderen Fahne weniger Probleme gibt (Hervorhebungen hinzugefügt):

Fürs Auftreten der Stadt gelten zur WM ganz eigene Regeln. Die „Beflaggungungsverordnung“ sieht das Trio aus deutscher, Berliner und EU-Fahne zu im weitesten Sinne staatspolitischen Anlässen wie Feiertagen oder nationaler Trauer vor. Möglich ist auch die „eingeschränkte Beflaggung“ (…). Diese gilt auch jetzt – nur dass statt des klassischen Fahnentrios die grünen Fifa-Flaggen (…) an Senatsgebäuden und Rathäusern gehisst worden sind. Die WM sei „keine typische Situation für die Beflaggungsverordnung“, heißt es in der Innenverwaltung zu der Ausnahme. Und die Sportverwaltung als treibende Kraft erklärt, sie habe sich ohne Zwang für die Fifa-Variante entschieden.

Die BVG richtet den Schmuck ihrer Busse gewöhnlich nach den Vorgaben der Innenverwaltung – und fährt mit dezenten Fifa-Logos, aber ohne Fahnen durch die Stadt. Man teile den Fahrgästen die aktuellen Spielergebnisse mit, sagt BVG- Sprecher Klaus Watzlak, „das bringt mehr als ein paar Fähnchen außen.“

Eigentlich könnte man ja das Fußballspiel gleich in FIFAFu umbenennen…

 

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17 Kommentare zu “FIFAFu und Beflaggungsverbot”

  1. 13.06.2006 | 23:21

    “Diese gilt auch jetzt – nur dass statt des klassischen Fahnentrios die grünen Fifa-Flaggen (…) an Senatsgebäuden und Rathäusern gehisst worden sind.”

    Somit komm’ ich heute doch noch zum Kotzen.

  2. 14.06.2006 | 0:06

    Gilt im übrigen auch für die Freiwillige Feuerwehr in Bonn und vermutlich anderswo. Überall sind diese Dienstanordnungen aufgetaucht. Explizit davon ausgenommen sind die Flaggen zur Anzeige eines geschlossenen Verbande (die ja auch SO häufig verwendet werden…) sowie bestehende Hoheitszeichen (etwa Stadtwappen auf dem Fahrzeug, etc.).

    Der Neutralitätsgedanke ist durchaus berechtigt. Spätestens aber nach dem Endspiel mit Deutschland als Weltmeister dürften auch die etwaigen Rettungsdienstfahrzeuge nicht ganz frei bleiben von Anzeichen der Freude.

    Vermutlich.

  3. Hardy
    14.06.2006 | 3:57

    @David
    “Somit komm’ ich heute doch noch zum Kotzen”
    Habe ein gutes Mittel dagegen: einfach in die Stammkneipe gehen und die Spiele auf Großbildwand ansehen. Ich habe es heute zu mindestens beim Spiel Brasilien-Kroatien getan und es nicht bereut, es war ein schöner Abend mit Leuten aus vielen Ländern die alle das Spiel genossen und sich amüsierten.
    PS: Die Polizei rebelliert bereits gegen das Verbot und macht einen auf zivilen Ungehorsam. Die Frage ist lediglich ob sie damit auch durchkommen.

  4. 14.06.2006 | 8:12

    “Ich erkläre die Fi-Fa-Fu-ßball-Weltmeisterschaft für eröffnet” hat sogar Köhler in seiner Eröffnungsrede gereimt, obwohl in seinem Redemanuskript nur “Fußball-Weltmeisterschaft” stand (zu sehen hier). Nur ein Versprecher? Absicht? Oder schon ein Indikator für die Gi-Ga-Gehirnwäsche?

  5. Marian Wirth
    14.06.2006 | 8:18

    la deutsche vita,

    vielleicht ist ja das Bundespräsidialamt von der FIFA abgemahnt worden ist, nachdem ihr das Manuskript zur Genehmigung vorgelegt wurde?

    Als Kompromiss durfte dann der Bundespräsident auf die Nennung der offiziellen Sponsoren verzichten. Oder so.

  6. 14.06.2006 | 8:23

    Möglicherweise sollte es ja nur dem Schutz der Polizisten dienen. Bekanntlich gibt es in Berlin gewisse Gruppen, die weder mit Polizeifahrzeugen noch mit unserer Fahne auf besonders gutem Fuß stehen ;-)

  7. 14.06.2006 | 8:58

    @ marian

    Könnte sein. Dann verstehe ich aber nicht, warum FIFA nur zweimal in der Rede auftaucht. Auf jedem Schoko-Nuss-Brotaufstrich steht der Markenname öfter als in der FiFaFu-Eröffnungsrede. Und gute Aufhänger gab’s in der kurzen Rede ja genung: “Liebe Fi-Fa-Fußballfreunde”, “Wir fi-fa-freuen uns”, “Sie sind zu Gast bei Fi-Fa-Freunden”, “München und Deutschland grüßen alle Fi-Fa-Fans”, “Und ein ganz besonderes Dankeschön Ihnen, lieber FiFa-Franz”, “Möge der Fußball die Vi-Va-Völker ferbinden”…

  8. R.A.
    14.06.2006 | 10:14

    Das ist alles so bekloppt.

    Auch ohne “Fanartikel” dürfte jedem ausländischen Besucher klar sein, daß die Leute in grün mit den Hoheitsabzeichen am Ärmel zur deutschen Polizei gehören und nicht zur Russen-Mafia.

    Die Hinzunahme einer deutschen Flagge am Auto dürfte wirklich niemanden überraschen, die wenigsten werden das überhaupt als Besonderheit registrieren.
    Und niemand – nehmen wir als Extrembeispiel mal einen holländischen Fan ;-) – wird deswegen “weniger Neutralität” vermuten.

    Aber dann die FIFA-Flagge vor dem Rathaus aufziehen – der Senat ist doch ein Idiotenhaufen.

  9. Hardy
    14.06.2006 | 16:04

    @Julius
    Stimmt nicht ganz, in anderen Städten wird die Beflaggung sogar begrüßt(Kaiserslautern und Frankfurt a.M.). Anscheinend haben deren PP’s kein Problem mit der deutschen Flagge. Man sollte eventuell mal recherchieren welcher Partei die Beflaggungsgegner angehören; wetten das sie von der SPD, PDS oder den Grünen sind?
    @RA
    “der Senat ist doch ein Idiotenhaufen”
    Das weißt Du erst seit jetzt?

  10. 14.06.2006 | 22:07

    Ich finde die Anweisung richtig. Die Polizei sollte den Eindruck vermeiden, sie stehe auf der Seite bestimmter Fans oder bevorzuge Angehörige der eigenen Nation. Selbst wenn der Eindruck abwegig ist. Würde die Polizei bei Demos keine Rücksicht auf Befindlichkeiten und Spinnereien nehmen, würde sie in vielen Fällen nicht deeskalierend wirken, sondern eskalierend. Z.B. stellen sich Beamte nicht gleich mit Helm, Schutzschild und Schlagstock hin. Was für normale Bürger wurscht wäre, könnte aggressive Zeitgenossen provozieren etc.

    In der Halbzeitpause des Spiels Deutschland-Polen habe ich gerade von Ausschreitungen in Dortmund gehört. Dort sind deutsche und polnische Fans aneinander geraten. Auch da muss die Polizei geschickt vorgehen…

    “Dortmund ist übrigens ein gutes Länderspielpflaster für die deutsche Mannschaft. Von 13 Partien wurden im Fußball-Tempel im Revier zwölf gewonnen, einmal gab es ein Remis.” (ARD Ticker)

  11. Hardy
    15.06.2006 | 3:23

    @euroneuzeit
    Es tut mir sehr Leid, aber ich kann Dir dahingehend nicht zustimmen. Die Flagge ist ein Staatssymbol, genauso wie der Berliner Bär eines für das Land Berlin ist, sie zeigt in keinerlei Maße irgendwelche Bevorzugung von Personengruppen, in vielen Ländern wird die Flagge auch auf der Polizeiuniform getragen und ist ebenso am Dienstfahrzeug angebracht. Fühlst Du Dich in diesen Ländern von der Polizei deswegen etwa als Mensch zweiter Klasse behandelt?
    Und diesen ach so Rücksichtnehmenden Satz “könnte aggressive Zeitgenossen provozieren” kann ich so langsam nicht mehr hören. Es ist das typische, in gewissen Kreisen herrschende Prinzip: “ach der arme Täter hat keine Schuld, die anderen haben ihn ja provoziert”, mit dem so ziemlich alles entschuldigt wird. Sei es nun Vergewaltigung, Mord, schwere Körperverletzung oder auch “nur” Diebstahl(die anderen hatten es, also wollte er es auch haben).
    Sorry, aber dafür habe ich nicht das geringste Verständnis!

  12. 15.06.2006 | 9:59

    Und diesen ach so Rücksichtnehmenden Satz “könnte aggressive Zeitgenossen provozieren” kann ich so langsam nicht mehr hören. Es ist das typische, in gewissen Kreisen herrschende Prinzip: “ach der arme Täter hat keine Schuld, die anderen haben ihn ja provoziert”

    Um Schuld geht es nicht, wenn Polizisten deeskalierend wirken wollen. Du hast Recht, dass man sich oft mehr für den Täter als für das Opfer interessiert. Das hat aber mit der Arbeit der Polizei wenig zu tun.

    Das ist heute bei der Polizei Standard, beruhigend und deeskalierend wirken zu wollen, Du wirst eher selten einen Polizeieinsatz erleben, etwa auf einer Demo, bei dem die Polizisten mit der Einstellung an die Sache herangehen: Dann mal los, wer will gerne verhaftet werden? Kommt nur her. Wer will ein paar drauf haben?

    Sofort den Knüppel, das gibt es nur in Diktaturen… Du kannst ja beklagen, dass es Einknicken oder Appeasement ist, auf potenzielle Gewalttäter Rücksicht zu nehmen, aber dann müsstest Du auch dagegen sein, auf einen aufgebrachten Menschen, der z.B. eine Schusswaffe in der Hand hat, beruhigend einzureden. U.s.w. Es gibt zig Beispiele, bei denen ein stures Vorgehen nur unnötigen Schaden verursacht hätte, obwohl die Sturen formal im Recht gewesen wären.

    Die Flagge ist ein Staatssymbol, genauso wie der Berliner Bär eines für das Land Berlin ist, sie zeigt in keinerlei Maße irgendwelche Bevorzugung von Personengruppen, in vielen Ländern wird die Flagge auch auf der Polizeiuniform getragen und ist ebenso am Dienstfahrzeug angebracht.

    Bei uns ist die Flagge aber nicht Teil der Uniform und nicht an den Polizeiwagen angebracht. Wäre sie regulärer Bestandteil, würde ich Dir ja zustimmen und deswegen nicht etwa fordern, sie abzunehmen. Ich halte es nur nicht für nötig, dass Polizisten jetzt zur WM eine besondere Beflaggung vornehmen.

  13. 15.06.2006 | 10:13

    PS: Wohlgemerkt, der Polizeipräsident hat die Anweisung gegeben, nicht irgendein wichtigtuerischer Politiker mit Publicity-Defizit.

    Ich muss mich nicht mit angetrunkenen Fans, ggf. auch Hooligans herumschlagen, daher denke ich nicht, dass ich der Polizei sagen müsste, wie sie zu arbeiten hat.

  14. Hardy
    15.06.2006 | 14:51

    Komisch nur, dass diese Polizisten, welche auf der Strasse ihren Dienst verrichten und sich gegebenenfalls mit Hooligans prügeln müssen, die Fahne am Fahrzeug haben wollen. Wenn selbige gegen den Fahnenschmuck wären- ok, aber so?
    Und zu dem anderen muß ich sagen, dass ich froh bin das nicht mehr wie früher(Bsp.: Schah Demo)einfach drauflosgeschlagen wird. Aber es besteht ein großer Unterschied zwischen Deeskalation und Appeasement.

  15. R.A.
    16.06.2006 | 12:09

    > Wohlgemerkt, der
    > Polizeipräsident
    > hat die Anweisung
    > gegeben, nicht
    > irgendein
    > wichtigtuerischer
    > Politiker mit
    > Publicity-
    > Defizit.
    Ein Polizeipräsident IST ein politischer Posten (in Berlin hat er selbstverständlich SPD-Parteibuch), da ist Wichtigtuerei durchaus üblich.

  16. Hardy
    16.06.2006 | 14:42

    @RA
    Stimmt, da hast Du vollkommen Recht, aber ich dachte bisher Euroneuzeit würde das wissen.

  17. 17.06.2006 | 18:10

    Wenn man danach geht, könnte man auch hinter den Aussagen von Lehrern gleich eine Partei vermuten. Nur weil eine Position politisch beeinflusst werden kann, muss eine Aussage, die jemand in einer Funktion macht, nicht politisch motiviert sein. Ich wüsste in diesem Fall auch nicht, was da der Sinn sein sollte? Antinationalismus?

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