Strammstehen am Kriegerdenkmal

Der Besuch aus Frankreich, der gerade bei uns weilte, lachte nicht schlecht:

Fantasievoll aber zackig uniformierte Männer und Frauen verschiedenen Alters standen stramm. Und zwar vor einem Einfamilienhaus, das mit Fantasiefahnen prächtigst geschmückt war.

Was war geschehen?
Generalmobilmachung zwecks eines doch etwas umfassenderen Kongo-Einsatzes? Verlegung aller waffenfähigen Deutschen nach Afghanistan oder in den Irak?

Nein, des Rätsels Lösung lautet: Schützenfest.

Wenn noch Zweifel daran bestehen, dass Deutsche auch im 21. Jahrhundert die Freuden der Marschmusik und des Strammstehens zu schätzen wissen, sei ein Besuch auf dem Lande zu Zeiten des kollektiven Besäufnisses namens “Schützenfest” empfohlen.
Inklusive Ehrenkranzabwurf am “Kriegerdenkmal” (das “Krieger” zu ehren meint, während es mit diesem Titel aber wohl doch die armen Schweine verhöhnt, die von Kaiser und Führer im Weltkriegsfeuer verheizt wurden).

Aber vielleicht nehme ich das mal wieder viel zu ernst. Während hier doch nur harmloses und liebenswertes Brauchtum gelebt wird. Das, wenn auch vielleicht nicht dem Leben, dann doch wenigstens dem rudelmäßig betriebenen Alkoholkonsum einen Sinn gibt.

Prost.

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13 Kommentare zu “Strammstehen am Kriegerdenkmal”

  1. 12.06.2006 | 14:08

    Darauf ein paar Lüttje Lagen …

  2. 12.06.2006 | 14:45

    >das “Krieger” zu ehren meint, während es mit diesem Titel
    >aber wohl doch die armen Schweine verhöhnt, die von Kaiser
    >und Führer im Weltkriegsfeuer verheizt wurden
    –> Du vergisst die “Helden” von 1870/71 ;)

  3. Boche
    12.06.2006 | 14:49

    Den “Kaiser” (in diesem Fall eben: Napoleon III) habe ich ja genannt.
    ;-)

  4. R.A.
    12.06.2006 | 16:00

    Nun ja, Brauchtum dieser Art ist halt Geschmacksfrage.
    Letztlich ist auch recht egal, unter welchem Titel sich die ländliche Nachbarschaft organisiert und feiert.

    Aber wenn nun ausgerechnet Gäste aus Frankreich sich über nationalistische Folklore amüsieren – dann waren die wohl an den diversen Gedenktagen immer auf Urlaub und haben die Sitten ihres Landes nie kennen gelernt …

  5. Boche
    12.06.2006 | 16:19

    @R.A.

    Letztlich ist auch recht egal, unter welchem Titel sich die ländliche Nachbarschaft organisiert und feiert.

    Wem ist das egal? Mir nicht.
    Denn die Mischung aus Militarismus und Alkoholismus ist (wenn ich meine Seelenruhe nach dem ersten Schreck wiedergefunden habe) durchaus viel zu belustigend, als dass mir das egal wäre.

    Aber wenn nun ausgerechnet Gäste aus Frankreich sich über nationalistische Folklore amüsieren -

    … dann könnte das erstens daran liegen, dass sie sich auch in Frankreich darüber amüsieren.
    Und zweitens daran, dass der Nationalismus dort staatlich organisiert werden muss.
    Während sich die deutsche Landbevölkerung freiwillig in uniformierte Schale wirft.
    Was einen zusätzlich komischen Effekt bewirkt.

  6. Friedel
    13.06.2006 | 6:54

    “Liberal” zu sein bedeutet für mich auch das, was die Spichwörter bzw. Redensarten “Leben und leben lassen”, “Jedem Tierchen sein Pläsierchen”, “Wat den eenen sien Uhl is den annern sien Nachtigall” aussagen. Wenn es also jemandem Freude macht, Uniform zu tragen und gemeinsam mit guten Freunden oder Kameraden ein Bier zu trinken (oder meinetwegen auch zehn), so ist das ausschließlich seine Sache, so lange kein anderer “gefährdet oder geschädigt oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert oder belästigt wird”. Auf jeden Fall aber sind mir Menschen, die Festfreude entwickeln können und dafür sorgen, daß ein ganzes Dorf festlich gestimmt ist lieber als solche, die in herabsetzender Weise (”Kollektives Besäufnis”, “Kranzabwurf”, “Rudelmäßig betriebener Alkoholkonsum”) über Mitmenschen herziehen, die sie weder verstehen können noch wollen.

  7. 13.06.2006 | 8:28

    @Friedel:
    “Liberal” bedeutet zuerst einmal, dass Ihr beide frei und ungehindert Eure Meinung über Schützenfeste sagen könnt ;-)

    Deine Argumente für Festfreude und Spaß will ich überhaupt nicht in Abrede stellen: der eine mag es lieber mit Bier und Blasmusik, der andere mit einem guten Wein und klassischer Musik. Insofern treffen Deine Sprichworte voll ins Schwarze.

    Aber Marschmusik, Kriegerdenkmale und Uniformen werden zu Recht vorsichtig bewertet. Denn zu oft kam es im Zusammenhang damit zu nationalistischen (und schlimmeren) Auswüchsen.

  8. Boche
    13.06.2006 | 8:58

    @Friedel

    “Liberal” zu sein bedeutet für mich auch das, was die Spichwörter bzw. Redensarten “Leben und leben lassen”,…

    Da stimme ich dir zu. Ich hatte auch keine Sekunde lang an ein Uniformierungsverbot gedacht.

    … solche, die in herabsetzender Weise (”Kollektives Besäufnis”, “Kranzabwurf”, “Rudelmäßig betriebener Alkoholkonsum”) über Mitmenschen herziehen, die sie weder verstehen können noch wollen.

    Ach, so ähnlich, nämlich als “kollektives Besäufnis” bezeichnen das ganz realistisch auch Leute, die da begeistert und voller Freude mitmachen.

    Aber kurzum: Ich gönne diese Feierei den Mitmachenden durchaus.
    Ich nehme mir aber die Freiheit heraus, an diesem speziellen Fest unappetitliche und leicht lächerliche Züge zu entdecken.
    Aber ich gebe auch zu: Nach manchem Whisky-Abend mit Freunden dürfte auch ich nicht schimpfen, wenn sich jemand über mich und meinen dann erreichten Zustand lustig macht.

  9. R.A.
    13.06.2006 | 10:29

    @stefanolix:
    > Aber Marschmusik,
    > Kriegerdenkmale
    > und Uniformen
    > werden zu Recht
    > vorsichtig
    > bewertet.
    “Vorsichtig bewerten” ist ok.
    Meine (eher bescheidenen) Kenntnisse über diese Vereine besagen eher, daß das harmlos ist.

    Ich sehe das eher wie mit dem derzeit massiven Einsatz von schwarz-rot-gold auf deutschen Straßen: Wenn nationale Symbole so weitgehend vom friedlichen Normalbürger benutzt und besetzt werden, dann schwindet die Mißbrauchsgefahr durch Andere.

    Oder andersrum: Wenn man eventuelles Interesse an Brauchtum/Uniformen etc. nur noch bei NPD-nahen Vereinen ausleben könnte – dann würde ich mir Sorgen machen.

  10. Hardy
    13.06.2006 | 12:32

    @RA
    “Wenn man eventuelles Interesse an Brauchtum/Uniformen etc. nur noch bei NPD-nahen Vereinen ausleben könnte – dann würde ich mir Sorgen machen.”
    Dann müsstest Du Dir nicht nur Sorgen machen, dann währe es unter Umständen schon zu spät dazu.
    Allerdings empfinde ich Schützenvereine aufgrund der Vereinsmeierei in ihnen nicht als angenehm. Die Feste jedoch, wenn man sich auch noch der Vorteile für die Wirtschaften bewußt wird, sind schon ganz lustig(ok, ich finde sie etwas lächerlich, aber: why not?). Also: Wirtschaft ankurbeln und mitsaufen!
    PS: Die Berliner Polizei darf auf Anordnung des PP keine Deutschlandfahnen am Fahrzeug haben, auch keine Anstecknadeln an der Uniform. Selbiges zu beurteilen bleibt jedem selbst überlassen, man sollte sich jedoch mal ansehen wie so etwas in anderen Ländern gehandhabt wird.

  11. R.A.
    13.06.2006 | 13:01

    @Hardy:
    > Allerdings
    > empfinde ich
    > Schützenvereine
    > aufgrund der
    > Vereinsmeierei
    > in ihnen nicht
    > als angenehm.
    Kann ich verstehen, aber das hätte dann mit der speziellen Ausprägung “Schützen” nichts zu tun. Vereinsmeierei kann unabhängig vom Vereinsthema nerven.

    > Die Berliner
    > Polizei darf
    > auf
    > Anordnung
    > des PP keine
    > Deutschlandfahnen
    > am Fahrzeug
    > haben
    Kleingeistiger und vorgestriger Schwachkopf, dieser PP.

  12. Hardy
    13.06.2006 | 14:19

    @RA
    Stimme Dir zu, aber der PP Glietsch(SPD)bekam auch noch Unterstützung und Zustimmung von Innensenator Körting(SPD). Aber was soll’s, etwas anderes konnte man bei der rot-roten Regierung in Berlin nicht erwarten, oder?
    Das jedoch(laut Forsa und BZ), angeblich auch 51% der Bevölkerung für das Fahnenverbot sind, halte ich für nicht besonders glaubwürdig. Dazu kenne ich diese Stadt zu gut.

  13. 13.06.2006 | 22:14

    [...] Dem Kommentator Hardy verdanke ich den Hinweis darauf, dass der Polizeipräsident in Berlin die Beflaggung von Dienstfahrzeugen der Berliner Polizei untersagt hat: Der Ukas des Behördenchefs ist deutlich: “Polizeibeamte im Dienst sind auch während der WM nicht in ihrer Eigenschaft als deutsche Fußballfans unterwegs”, stellt Polizeipräsident Dieter Glietsch in einer Dienstanweisung fest. Und weiter: “Sie sollten deshalb ihr im Einzelfall notwendiges Einschreiten gegen Fans anderer Nationalmannschaften nicht dadurch erschweren, dass sie durch das demonstrative Mitführen von Fanartikeln ein solchen Eindruck erwecken.” (Quelle: Berliner Zeitung) [...]

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