9. Juni 2006
Einwanderungszahlenspielereien
Gestern:
Wir waren ein Einwanderungsland
Endlich nimmt Deutschland seine Migranten zur Kenntnis. Aber nun wollen immer weniger Ausländer hier leben.
(…)
Im Jahr 2005 gab es kaum nachhaltige Zuwanderung nach Deutschland. Wie bitte? Haben wir nicht eben noch über Integrationskurse, Einbürgerungstests und andere Hürden für Zuwanderer gestritten, als gelte es, Deutschland gegen stetig steigenden Migrationsdruck abzudichten?
Im Licht der jüngsten Zahlen des Nürnberger Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wirkt diese Debatte merkwürdig irreal. 2005 kamen laut BAMF rund 450000 Zuwanderer ins Land. Das klingt erst einmal viel. Der Blick aufs Detail zeigt jedoch, dass die Migration nach Deutschland stark rückläufig ist – und dies besonders bei denen, die wir aus Eigeninteresse brauchen, wie Hochbegabte und Selbstständige.
(…)
Heute:
Deutschland nach Großbritannien wichtigstes Einwanderungsland Europas
Deutschland ist nach wie vor eines der Haupt-Einwanderungsländer in Europa. Wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD in Paris mitteilte, kamen im Jahr 2004 dauerhaft mehr als 202.000 Ausländer in die Bundesrepublik. Nur nach Großbritannien seien legal noch mehr Menschen zugewandert. Einen deutlichen Rückgang verzeichnete die OECD bei den Asylbewerbern in Deutschland.
(Meldung in den 1:00 Uhr – Nachrichten des Deutschlandfunk)
Hm. Was sagt denn nun der International Migration Outlook der OECD? Zitat aus der Pressemitteilung:
Immigration rises in OECD countries but asylum requests fall, says OECD
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Immigration rose sharply to the United States (+34%), Italy (+28%) and the United Kingdom (24%) during 2004, the latest year for which comparative figures are available. By contrast, immigration dropped sharply in Finland (-25%), Germany (-15%) and New Zealand (-14%). Over the same period, the number of asylum seekers arriving in OECD countries declined by more than 20%, continuing a trend that has seen a 35% drop since 2000.
(…)
Das liest sich für mich eher als eine Bestätigung des ZEIT-Artikels, denn als Quelle für die DLF-Nachricht. Und weiter (Hervorhebungen hinzugefügt):
The number of temporary, seasonal, and contract workers has been increasing over the past ten years as OECD countries continue to recruit temporary foreign workers. In the countries and categories for which detailed data are available, temporary entries for employment increased by approximately 7% in 2004, reaching 1.5 million. The increase in the number foreign students is also significant, particularly in New Zealand, Japan, Australia, France and Germany.
Following the enlargement of the European Union to 25 states in May 2004, only three EU member countries – the United Kingdom, Ireland and Sweden – opened their labour markets to nationals of the new accession countries. Since then, the UK and Ireland have received a significant number of immigrants from these countries, Sweden to a lesser extent. From May 2004 to the end of December 2005, 345 000 workers from the new member states were registered in the United Kingdom. In Ireland, from May 2004 to May 2005, 83 000 nationals of the new EU member states were registered, equal to 4% of the Irish labour force.
Many countries have adopted measures to attract highly skilled immigrants and foreign students by introducing or improving selection policies. Security and the fight against irregular migration, however, remain key elements of policies to control migration flows. In parallel, new measures were adopted to develop or improve the integration of newcomers. These include obligatory language courses (Denmark and the Netherlands), assistance to find jobs, increased ethnic diversity within enterprises (almost all OECD countries), and the fight against discrimination (France) and for equal opportunities (Belgium, Finland, Sweden, among others).
(…)
Ich halte es immer noch für höchst zweifelhaft, temporäre Migration, Saisonarbeit, Studienaufenthalte und dauerhafte Einwanderung in einen Topf mit der Aufschrift “Einwanderung” zu werfen. Und der ZEIT-Artikel ist mir entschieden zu weinerlich. Wir vergreisen. Wir sterben aus. Und zu uns kommen mag auch niemand mehr. Noch nichtmal zu Besuch. Es ist alles ganz schrecklich und wir werden alle sterben.
Vor diesem Hintergrund kann ich dann Kurt Beck irgendwie schon verstehen: Lasst uns die Deutschen, die nicht schnell genug weglaufen können, “anständig” besteuern, solange es sie noch gibt!
Verfasst von Marian Wirth um 03:21 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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