11. Mai 2006
Ubuntu, F(L)OSS und der Riese aus Redmond
Anlässlich des Linux-Tags 2006 in Wiesbaden gab Mark Shuttleworth, Gründer und Finanzier der Linux-Distribution Ubuntu, auch heise open ein Interview. Seine Aussagen darin sind jetzt endlich der Anlass, den Beitrag zu schreiben, den ich vor langer Zeit schon mal bloggen wollte.
Es geht um F(L)OSS, also Free Software (Konzept RMS) und/oder Open Source Software (Konzept ESR). Der Unterschied: Free Software ist immer auch Open Source Software, aber nicht umgekehrt. Durch Linux begann weltweit ein Siegeszug von F(L)OSS.
Das ursprüngliche Konzept von Free Software ist das der Allmende, wobei die “Gemeinde” hier die der Programmierer ist, die gemeinsam daran arbeitet, Ideen mit und an Computern zu verwirklichen. Das kommt sozusagen noch aus der Steinzeit der EDV, als IBM oder Digital Eqipment riesige Brocken Hardware verkauften und Software etwas war, das beim Käufer entstand, um mit diesen Dingern auch umgehen zu können. Käufer waren damals neben Großunternehmen auch vor allem öffentliche Forschungseinrichtungen, und es war für die zunächst noch übersichtliche Gemeinde der programmierenden Wissenschaftler eine Selbstverständlichkeit, sich bei den Problemen mit den dicken Kisten gegenseitig zu helfen, so wie man sich auch einem gemeinsamen Forschungsthema widmet.
Free Software ist nicht nutzer-, sondern herstellerorientiert. Ein FOSS-Projekt fängt meist damit an, dass ein Programmierer etwas erstellen möchte, das ihm selbst bei irgendeiner Sache hilft. Er hackt dann solange vor sich hin, bis das Programm für ihn hinreichend funktioniert und er es nutzen kann. Danach hat der Code seinen Zweck erfüllt, und der Programmierer stellt ihn seinesgleichen zur Verfügung.
Das funktioniert wie ein Kochrezept, das in der Nachbarschaft die Runde macht. Jemand denkt sich “Hmmm, das könnte schmecken”, brutzelt sich etwas zusammen, findet es lecker und hat kein Problem, das Ergebnis und das Rezept dazu anderen weiterzugeben. Diese werden dann nicht selten nach ihrem Geschmack bei Zutaten und Verfahren Änderungen vornehmen, die sie dann wiederum selbst gerne anderen zeigen.
Der Programmierer (oder Hobby-Koch) fordert für sein Werk keinen Preis. Die Kosten, die ihm durch das Programmieren (Kochen) entstanden sind, sieht er dadurch kompensiert, das sein Problem gelöst wurde (das Mittagessen auf dem Tisch stand). Während dieser Gebrauchswert offensichtlich ist, dürfte der Tauschwert weniger auf der Hand liegen. Unser Programmierer (Koch) weiß meist nicht, wie dringend sein Problem (lecker sein Gericht) für andere sein könnte, und er weiß nicht, wie seine Lösung für die Bedürfnisse der anderen angepasst werden müsste. Mehr noch: All das interessiert ihn nicht. Ihm entstehen aber durch die Weitergabe seines Wissens keine zusätzlichen Kosten, und vielleicht bekommt er ja sogar etwas zurück: eine verbesserte Version, die Idee eines Anderen oder Popularität in der Nachbarschaft.
So ist auch Linux entstanden. Linus Torvalds wollte sein eigenes, individuelles Problem lösen, und es stellte sich heraus, dass seine Lösung ein guter Ansatz war für die Lösung der Probleme vieler anderer Programmierer.
Aus der Ursprungsidee ist inzwischen mehr geworden: eine Religion und ein Hype. Der Hohepriester RMS und seine Jünger (z.B. bei Debian) verwenden viel Zeit und Energie darauf, “unfreie” Software in ihrem Umfeld zu bekämpfen. So erhält ein Grafikkartenhersteller, der einen proprietären, also “unfreien”, Treiber zur Verfügung stellt, damit sein Produkt auch unter Linux optimal ausgenutzt werden kann, dafür nicht etwa Anerkennung, sondern Ablehnung und Protest. Diskussionen um Lizenzen nehmen in Mailinglists bald mehr Raum ein als die Beschäftigung mit der Software an sich.
Der Hype entstand in einer überwiegend jugendlichen Öffentlichkeit. Aus einem “die Hersteller proprietärer Software sind böse, weil sie Geld verdienen wollen” wurde “alles ist böse, was Geld verdienen will”, und man begann, F(L)OSS als Muster fürs Wirtschaften schlechthin zu begreifen. Die Affinität gerade für Linke liegt auch nahe: Entfremdung, Mehrwert, Wertlogik – all das schien plötzlich lösbar.
Wie der Sozialismus auch hat allerdings dieser Hype den Kontakt mit der Realität nicht lange durchgehalten, denn der “freie” Ansatz in seiner ursprünglichen Idee zeigt, wenn er von einem Zusatzangebot zur alleinigen Methode gemacht werden soll, selbst ohne die Existenz von Grenzkosten (die ihn in der materiellen Welt im Grunde erledigt) wegen der Produzentenorientierung ganz erhebliche Mängel bei der Lösung des Allokationsproblems, weil er im Grunde (das Bild von der Allmende taucht wieder auf) eine Subsistenzwirtschaft abbildet. Jeder produziert nur für den eigenen Bedarf, die Vorteile der Arbeitsteilung und der Tauschwirtschaft gehen verloren.
Nun könnte man nach ESRs “The Cathedral and the Bazaar” behaupten, bei F(L)OSS gäbe es doch Arbeitsteilung, sie sei nur anders organisiert. Das verwechselt dann aber den volkswirtschaftlichen Begriff, der auf die Nutzung komparativer Vorteile zur effizienteren Allokation abstellt, mit einer betrieblichen Organisationsform, bei der die Entscheidung über das Produkt selbst bereits gefallen ist. Es gehört aber zum Credo der F(L)OSS-Anhänger, dass die dezentrale “Basar”-Arbeitsteilung der zentralistischen “Kathedrale” überlegen sei. Dieser Idee widerspricht jetzt Mark Shuttleworth. Er behauptet sinngemäß, dass, während die kreativen Ideen von den “Basar”-Leuten kämen, die “Kathedralen”-Organisationsform erforderlich sei, um diese auch zu einem wirklich ausgereiften Produkt zu machen.
Als Python-Anwender kann man beispielsweise verfolgen, wie die Zahl der von Einzelkämpfern programmierten Editoren und Entwicklungsumgebungen immer größer wurde, aber jedes Projekt darunter weiter viele Wünsche offen lässt. Mittlerweile gibt es Ansätze, diese Anstrengungen zu koordinieren.
Als Ökomom erscheint einem das alles weniger neu und ungewohnt als manche vielleicht glauben wollen. Denn für die Entscheidung, in welcher Form Zusammenarbeit organisiert wird, sind die Transaktionskosten entscheidend. Kurzgesagt kann der Koordinierungsaufwand im “Basar”-Modell irgendwann zu groß werden, um klare, festumrissene Ziele zu erreichen. Dem tragen auch viele F(L)OSS-Projekte Rechnung. Bei Linux hat immer noch Torvalds das letzte Wort, und Python kennt gar explizit den BDFL, den “lebenslangen gutmeinenden Diktator” (Python-Schöpfer Guido van Rossum). ESR erwähnt solche Funktionen als Bewahrer der Regeln, nach denen in einem Projekt gearbeitet wird.
Volkswirtschaftlich gesehen ist das übrigens nichts anderes als der Gegensatz zwischen Markt und Zentralverwaltungswirtschaft. Interessant, dass der eigentlich libertäre ESR in diesem Modell die Rolle eines “Bewahrers der Regeln” einräumt, was ja, wieder auf eine Volkswirtschaft bezogen, nichts anderes als ein mit bestimmten Kontrollfunktionen ausgestatteter Staat wäre. Einer, der übrigens nicht demokratisch legitimiert ist, sondern sich praktisch via Akklamation von selbst ergibt (siehe “BDFL”).
Mark Shuttleworth sieht anscheinend ähnlich wie Hayek die Stärke der marktlichen Organisation in ihrer Eignung als “Entdeckungsverfahren“. Statt alle Kräfte auf eine Idee zu konzentrieren, werden hier immer wieder mehrere und neue auf den Prüfstand gestellt. Wenn es aber darum ginge, diesen steten Drang neuer Ideen zu stoppen und eher das Erreichte auszubauen, ginge dies nur über die starke Hand eines Entscheiders an der Spitze, der eine konkrete Vorstellung vom zu erreichenden Ziel hat.
Bei zu großen und demokratisch angelegten Projekten wie z.B. Debian, auf dem Ubuntu basiert, ist wohl aus Sicht Shuttleworths das Optimum der Transaktionskosten überschritten:
Andere Unternehmen, wie z.B. IBM und Novell, sehen z.B. Linux als ein legitimes Mittel, ihrem ureigenen Geschäftszweck zu dienen.
Deswegen hat Ballmer Unrecht, wenn er – ganz im Sinne des o.g. Hypes – F(L)OSS mit “Kommunismus” gleichsetzt. Erfolgreich konnte das Konzept erst werden, als ein Geschäftsmodell damit verbunden wurde. Und zwar ein durchaus vertrautes, nicht weit entfernt von den Rockefellerschen Öllampen, den Polaroid-Kameras und den Tintenstrahldruckern. Ich versorge meine Kunden mit einem Produkt, für dessen Nutzung sie wieder auf mich zurückkommen müssen. F(L)OSS-Unternehmen setzen auf den Beratungs- und Unterstützungsbedarf, der bei Anwendern ihrer Software entsteht. In einer Zeit, wo man erkannt hat, dass Hilfsprozesse (ganz im Sinn des Transaktionskostenansatzes übrigens) gut ausgelagert werden können, gewinnt dieses Modell durchaus an Charme, zumal man bei F(L)OSS grundsätzlich nie an einen Anbieter gebunden ist.
Wurde früher Hardware verkauft und dann Hardware und Software, heißt das Schlüsselwort jetzt “Lösungen”. Die Kunden wollen irgendein informationstechnisches Problem gelöst haben, ohne sich um die technischen Details kümmern zu müssen. Dafür zahlen sie, und nicht für ein paar Platinen oder eine CD in einer Box. Je geringer für die Anbieter dann die Einstandskosten sind, um so eher können sie Marge für sich generieren. Das auf Gegenseitigkeit basierende Modell wird von diesen Unternehmen akzeptiert: Zum einen macht es sie attraktiver für ehrgeizige Programmierer, die den Gedanken von F(L)OSS großartig finden, zum anderen profitieren sie quasi über nacht von einer weltweiten Entwicklergemeinschaft.
Dennoch zeigt sich, um auf den “Basar” zurückzukommen, dass der F(L)OSS-Ansatz eins offenbar nicht oder nur unzureichend hervorbringt: Innovationen für den Anwender. Größere Programmiervorhaben, die nicht wesentlich auf Bestehendem aufsetzen, oder ganz neue Ideen werden immer noch in proprietären Produkten vorgestellt – einfach, weil die Realisierung von solchen Dingen meist Kapital benötigt, das sich rentieren muss, und weil die Personen dahinter von ihrem Wurf auch dann leben können wollen, wenn kein hoher Serviceaufwand damit verbunden ist. Hier geht es also vor allem um Produkte für den privaten Anwender. Dass Linux noch nicht den Desktop erobert hat, obwohl es doch grenzkostenfrei zu beziehen ist, hat hier eine seiner Ursachen. Es ist bezeichnend, dass die erfolgreichsten Produkte für Endanwender ehemals proprietäre sind: Firefox, Thunderbird (Netscape), OpenOffice (Star Office).
Dabei wäre das doch eigentlich ein Ziel, das für Liberale hohe Sympathiewerte besitzen müsste, denn in fast 100% aller Fälle stammt der Desktop, der einen PC-Anwender begrüßt, von einem gewissen nicht wirklich kleinen und weichen Anbieter aus dem US-Staat Washington. Nicht nur das, auch die wesentlichen auf einem PC genutzten Programme kommen daher: E-Mail, Browser, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation…. Teils, weil sie sich auf dem Markt durchgesetzt haben (Office, das seinen Erfolg m.E. vor allem dem großartigen Excel zu verdanken hat), teils, weil sie durch monopolistische Vertriebspolitik in diese Position gedrängt wurden (Windows), teils, weil besagter Anbieter in jede neue Version seines Betriebssystems Lösungen einbindet, für die sich auf dem Markt Produkte von Fremdanbietern durchgesetzt hatten (Internet Explorer, Outlook, Festplattendefragmentierung, Firewall), diese also quasi grenzkostenfrei und noch dazu fertig installiert zur Verfügung stellt.
Die einzige Chance, ein solches Monopol anders als durch Enteignungsmaßnahmen aufzubrechen, hat da eigentlich nur ein Produkt, das selbst grenzkostenfrei verbreitet wird: Linux. Wenn denn die Softwareumgebung dazu nicht unbedingt von Programmierern für Programmierer zusammengestellt wird, sondern von einem Unternehmer, der weiß, was er will, und zwar Erfolg beim Endkunden. Eben einem wie Mark Shuttleworth. Etwas Besseres als Ubuntu hätte allen PC-Anwendern kaum passieren können. Egal, ob sie es selbst nutzen, egal, ob sie selbst überhaupt ein Linux-Paket nutzen. Denn es treibt den Wettbewerb voran, und es macht jedes Linux zur denkbaren Alternative.
Der Staat kann etwas dazu tun. Er kann, wie in Massachusetts, Wert auf offene Standards legen (gerade wieder aktuell bei einem Konflikt zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Telekom). Er kann, wie in München, sich selbst voll und ganz für F(L)OSS entscheiden. Er könnte in Schulen Linux einführen, aber wenigstens OpenOffice und Firefox. Er könnte sich gegen Softwarepatente aussprechen, die den Basar in seinem Gewusel unzumutbar hemmen. Kurz: Er könnte etwas zur Öffnung des Marktes tun.
P.S.: An alle Apple-Freunde: Ich will die Leistung dieses standhaften Unternehmens und des Missionars Steve Jobs nicht kleinreden. Ich freue mich auch über jedes Prozent Marktanteil, das es dem Riesen wegnimmt. Ich hoffe, MacOS wird immer attraktiver für immer mehr Anwender. Aber mit der Rolle des Kämpfers gegen die dunkle Seite der Macht ist es, weil immer noch proprietär, überfordert.
P.P.S.: Bei B.L.O.G. hat Firefox die Nase vorn gegenüber dem IE.
Verfasst von Rayson um 19:35 Uhr in der Kategorie Politik, Steckenpferde der Autoren, Wirtschaftspolitik (Trackback)
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