Ubuntu, F(L)OSS und der Riese aus Redmond

Anlässlich des Linux-Tags 2006 in Wiesbaden gab Mark Shuttleworth, Gründer und Finanzier der Linux-Distribution Ubuntu, auch heise open ein Interview. Seine Aussagen darin sind jetzt endlich der Anlass, den Beitrag zu schreiben, den ich vor langer Zeit schon mal bloggen wollte.

Es geht um F(L)OSS, also Free Software (Konzept RMS) und/oder Open Source Software (Konzept ESR). Der Unterschied: Free Software ist immer auch Open Source Software, aber nicht umgekehrt. Durch Linux begann weltweit ein Siegeszug von F(L)OSS.

Das ursprüngliche Konzept von Free Software ist das der Allmende, wobei die “Gemeinde” hier die der Programmierer ist, die gemeinsam daran arbeitet, Ideen mit und an Computern zu verwirklichen. Das kommt sozusagen noch aus der Steinzeit der EDV, als IBM oder Digital Eqipment riesige Brocken Hardware verkauften und Software etwas war, das beim Käufer entstand, um mit diesen Dingern auch umgehen zu können. Käufer waren damals neben Großunternehmen auch vor allem öffentliche Forschungseinrichtungen, und es war für die zunächst noch übersichtliche Gemeinde der programmierenden Wissenschaftler eine Selbstverständlichkeit, sich bei den Problemen mit den dicken Kisten gegenseitig zu helfen, so wie man sich auch einem gemeinsamen Forschungsthema widmet.

Free Software ist nicht nutzer-, sondern herstellerorientiert. Ein FOSS-Projekt fängt meist damit an, dass ein Programmierer etwas erstellen möchte, das ihm selbst bei irgendeiner Sache hilft. Er hackt dann solange vor sich hin, bis das Programm für ihn hinreichend funktioniert und er es nutzen kann. Danach hat der Code seinen Zweck erfüllt, und der Programmierer stellt ihn seinesgleichen zur Verfügung.

Das funktioniert wie ein Kochrezept, das in der Nachbarschaft die Runde macht. Jemand denkt sich “Hmmm, das könnte schmecken”, brutzelt sich etwas zusammen, findet es lecker und hat kein Problem, das Ergebnis und das Rezept dazu anderen weiterzugeben. Diese werden dann nicht selten nach ihrem Geschmack bei Zutaten und Verfahren Änderungen vornehmen, die sie dann wiederum selbst gerne anderen zeigen.

Der Programmierer (oder Hobby-Koch) fordert für sein Werk keinen Preis. Die Kosten, die ihm durch das Programmieren (Kochen) entstanden sind, sieht er dadurch kompensiert, das sein Problem gelöst wurde (das Mittagessen auf dem Tisch stand). Während dieser Gebrauchswert offensichtlich ist, dürfte der Tauschwert weniger auf der Hand liegen. Unser Programmierer (Koch) weiß meist nicht, wie dringend sein Problem (lecker sein Gericht) für andere sein könnte, und er weiß nicht, wie seine Lösung für die Bedürfnisse der anderen angepasst werden müsste. Mehr noch: All das interessiert ihn nicht. Ihm entstehen aber durch die Weitergabe seines Wissens keine zusätzlichen Kosten, und vielleicht bekommt er ja sogar etwas zurück: eine verbesserte Version, die Idee eines Anderen oder Popularität in der Nachbarschaft.

So ist auch Linux entstanden. Linus Torvalds wollte sein eigenes, individuelles Problem lösen, und es stellte sich heraus, dass seine Lösung ein guter Ansatz war für die Lösung der Probleme vieler anderer Programmierer.

Aus der Ursprungsidee ist inzwischen mehr geworden: eine Religion und ein Hype. Der Hohepriester RMS und seine Jünger (z.B. bei Debian) verwenden viel Zeit und Energie darauf, “unfreie” Software in ihrem Umfeld zu bekämpfen. So erhält ein Grafikkartenhersteller, der einen proprietären, also “unfreien”, Treiber zur Verfügung stellt, damit sein Produkt auch unter Linux optimal ausgenutzt werden kann, dafür nicht etwa Anerkennung, sondern Ablehnung und Protest. Diskussionen um Lizenzen nehmen in Mailinglists bald mehr Raum ein als die Beschäftigung mit der Software an sich.

Der Hype entstand in einer überwiegend jugendlichen Öffentlichkeit. Aus einem “die Hersteller proprietärer Software sind böse, weil sie Geld verdienen wollen” wurde “alles ist böse, was Geld verdienen will”, und man begann, F(L)OSS als Muster fürs Wirtschaften schlechthin zu begreifen. Die Affinität gerade für Linke liegt auch nahe: Entfremdung, Mehrwert, Wertlogik – all das schien plötzlich lösbar.

Wie der Sozialismus auch hat allerdings dieser Hype den Kontakt mit der Realität nicht lange durchgehalten, denn der “freie” Ansatz in seiner ursprünglichen Idee zeigt, wenn er von einem Zusatzangebot zur alleinigen Methode gemacht werden soll, selbst ohne die Existenz von Grenzkosten (die ihn in der materiellen Welt im Grunde erledigt) wegen der Produzentenorientierung ganz erhebliche Mängel bei der Lösung des Allokationsproblems, weil er im Grunde (das Bild von der Allmende taucht wieder auf) eine Subsistenzwirtschaft abbildet. Jeder produziert nur für den eigenen Bedarf, die Vorteile der Arbeitsteilung und der Tauschwirtschaft gehen verloren.

Nun könnte man nach ESRs “The Cathedral and the Bazaar” behaupten, bei F(L)OSS gäbe es doch Arbeitsteilung, sie sei nur anders organisiert. Das verwechselt dann aber den volkswirtschaftlichen Begriff, der auf die Nutzung komparativer Vorteile zur effizienteren Allokation abstellt, mit einer betrieblichen Organisationsform, bei der die Entscheidung über das Produkt selbst bereits gefallen ist. Es gehört aber zum Credo der F(L)OSS-Anhänger, dass die dezentrale “Basar”-Arbeitsteilung der zentralistischen “Kathedrale” überlegen sei. Dieser Idee widerspricht jetzt Mark Shuttleworth. Er behauptet sinngemäß, dass, während die kreativen Ideen von den “Basar”-Leuten kämen, die “Kathedralen”-Organisationsform erforderlich sei, um diese auch zu einem wirklich ausgereiften Produkt zu machen.

Als Python-Anwender kann man beispielsweise verfolgen, wie die Zahl der von Einzelkämpfern programmierten Editoren und Entwicklungsumgebungen immer größer wurde, aber jedes Projekt darunter weiter viele Wünsche offen lässt. Mittlerweile gibt es Ansätze, diese Anstrengungen zu koordinieren.

Als Ökomom erscheint einem das alles weniger neu und ungewohnt als manche vielleicht glauben wollen. Denn für die Entscheidung, in welcher Form Zusammenarbeit organisiert wird, sind die Transaktionskosten entscheidend. Kurzgesagt kann der Koordinierungsaufwand im “Basar”-Modell irgendwann zu groß werden, um klare, festumrissene Ziele zu erreichen. Dem tragen auch viele F(L)OSS-Projekte Rechnung. Bei Linux hat immer noch Torvalds das letzte Wort, und Python kennt gar explizit den BDFL, den “lebenslangen gutmeinenden Diktator” (Python-Schöpfer Guido van Rossum). ESR erwähnt solche Funktionen als Bewahrer der Regeln, nach denen in einem Projekt gearbeitet wird.

Volkswirtschaftlich gesehen ist das übrigens nichts anderes als der Gegensatz zwischen Markt und Zentralverwaltungswirtschaft. Interessant, dass der eigentlich libertäre ESR in diesem Modell die Rolle eines “Bewahrers der Regeln” einräumt, was ja, wieder auf eine Volkswirtschaft bezogen, nichts anderes als ein mit bestimmten Kontrollfunktionen ausgestatteter Staat wäre. Einer, der übrigens nicht demokratisch legitimiert ist, sondern sich praktisch via Akklamation von selbst ergibt (siehe “BDFL”).

Mark Shuttleworth sieht anscheinend ähnlich wie Hayek die Stärke der marktlichen Organisation in ihrer Eignung als “Entdeckungsverfahren“. Statt alle Kräfte auf eine Idee zu konzentrieren, werden hier immer wieder mehrere und neue auf den Prüfstand gestellt. Wenn es aber darum ginge, diesen steten Drang neuer Ideen zu stoppen und eher das Erreichte auszubauen, ginge dies nur über die starke Hand eines Entscheiders an der Spitze, der eine konkrete Vorstellung vom zu erreichenden Ziel hat.

Bei zu großen und demokratisch angelegten Projekten wie z.B. Debian, auf dem Ubuntu basiert, ist wohl aus Sicht Shuttleworths das Optimum der Transaktionskosten überschritten:


As much as I admire the governance and social structures of Debian, I don’t believe that it would be effective to allocate funds to it and expect to see the same level of productivity that we have been able to achieve in the Ubuntu project.

Andere Unternehmen, wie z.B. IBM und Novell, sehen z.B. Linux als ein legitimes Mittel, ihrem ureigenen Geschäftszweck zu dienen.

Deswegen hat Ballmer Unrecht, wenn er – ganz im Sinne des o.g. Hypes – F(L)OSS mit “Kommunismus” gleichsetzt. Erfolgreich konnte das Konzept erst werden, als ein Geschäftsmodell damit verbunden wurde. Und zwar ein durchaus vertrautes, nicht weit entfernt von den Rockefellerschen Öllampen, den Polaroid-Kameras und den Tintenstrahldruckern. Ich versorge meine Kunden mit einem Produkt, für dessen Nutzung sie wieder auf mich zurückkommen müssen. F(L)OSS-Unternehmen setzen auf den Beratungs- und Unterstützungsbedarf, der bei Anwendern ihrer Software entsteht. In einer Zeit, wo man erkannt hat, dass Hilfsprozesse (ganz im Sinn des Transaktionskostenansatzes übrigens) gut ausgelagert werden können, gewinnt dieses Modell durchaus an Charme, zumal man bei F(L)OSS grundsätzlich nie an einen Anbieter gebunden ist.

Wurde früher Hardware verkauft und dann Hardware und Software, heißt das Schlüsselwort jetzt “Lösungen”. Die Kunden wollen irgendein informationstechnisches Problem gelöst haben, ohne sich um die technischen Details kümmern zu müssen. Dafür zahlen sie, und nicht für ein paar Platinen oder eine CD in einer Box. Je geringer für die Anbieter dann die Einstandskosten sind, um so eher können sie Marge für sich generieren. Das auf Gegenseitigkeit basierende Modell wird von diesen Unternehmen akzeptiert: Zum einen macht es sie attraktiver für ehrgeizige Programmierer, die den Gedanken von F(L)OSS großartig finden, zum anderen profitieren sie quasi über nacht von einer weltweiten Entwicklergemeinschaft.

Dennoch zeigt sich, um auf den “Basar” zurückzukommen, dass der F(L)OSS-Ansatz eins offenbar nicht oder nur unzureichend hervorbringt: Innovationen für den Anwender. Größere Programmiervorhaben, die nicht wesentlich auf Bestehendem aufsetzen, oder ganz neue Ideen werden immer noch in proprietären Produkten vorgestellt – einfach, weil die Realisierung von solchen Dingen meist Kapital benötigt, das sich rentieren muss, und weil die Personen dahinter von ihrem Wurf auch dann leben können wollen, wenn kein hoher Serviceaufwand damit verbunden ist. Hier geht es also vor allem um Produkte für den privaten Anwender. Dass Linux noch nicht den Desktop erobert hat, obwohl es doch grenzkostenfrei zu beziehen ist, hat hier eine seiner Ursachen. Es ist bezeichnend, dass die erfolgreichsten Produkte für Endanwender ehemals proprietäre sind: Firefox, Thunderbird (Netscape), OpenOffice (Star Office).

Dabei wäre das doch eigentlich ein Ziel, das für Liberale hohe Sympathiewerte besitzen müsste, denn in fast 100% aller Fälle stammt der Desktop, der einen PC-Anwender begrüßt, von einem gewissen nicht wirklich kleinen und weichen Anbieter aus dem US-Staat Washington. Nicht nur das, auch die wesentlichen auf einem PC genutzten Programme kommen daher: E-Mail, Browser, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation…. Teils, weil sie sich auf dem Markt durchgesetzt haben (Office, das seinen Erfolg m.E. vor allem dem großartigen Excel zu verdanken hat), teils, weil sie durch monopolistische Vertriebspolitik in diese Position gedrängt wurden (Windows), teils, weil besagter Anbieter in jede neue Version seines Betriebssystems Lösungen einbindet, für die sich auf dem Markt Produkte von Fremdanbietern durchgesetzt hatten (Internet Explorer, Outlook, Festplattendefragmentierung, Firewall), diese also quasi grenzkostenfrei und noch dazu fertig installiert zur Verfügung stellt.

Die einzige Chance, ein solches Monopol anders als durch Enteignungsmaßnahmen aufzubrechen, hat da eigentlich nur ein Produkt, das selbst grenzkostenfrei verbreitet wird: Linux. Wenn denn die Softwareumgebung dazu nicht unbedingt von Programmierern für Programmierer zusammengestellt wird, sondern von einem Unternehmer, der weiß, was er will, und zwar Erfolg beim Endkunden. Eben einem wie Mark Shuttleworth. Etwas Besseres als Ubuntu hätte allen PC-Anwendern kaum passieren können. Egal, ob sie es selbst nutzen, egal, ob sie selbst überhaupt ein Linux-Paket nutzen. Denn es treibt den Wettbewerb voran, und es macht jedes Linux zur denkbaren Alternative.

Der Staat kann etwas dazu tun. Er kann, wie in Massachusetts, Wert auf offene Standards legen (gerade wieder aktuell bei einem Konflikt zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Telekom). Er kann, wie in München, sich selbst voll und ganz für F(L)OSS entscheiden. Er könnte in Schulen Linux einführen, aber wenigstens OpenOffice und Firefox. Er könnte sich gegen Softwarepatente aussprechen, die den Basar in seinem Gewusel unzumutbar hemmen. Kurz: Er könnte etwas zur Öffnung des Marktes tun.

P.S.: An alle Apple-Freunde: Ich will die Leistung dieses standhaften Unternehmens und des Missionars Steve Jobs nicht kleinreden. Ich freue mich auch über jedes Prozent Marktanteil, das es dem Riesen wegnimmt. Ich hoffe, MacOS wird immer attraktiver für immer mehr Anwender. Aber mit der Rolle des Kämpfers gegen die dunkle Seite der Macht ist es, weil immer noch proprietär, überfordert.

P.P.S.: Bei B.L.O.G. hat Firefox die Nase vorn gegenüber dem IE.

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30 Kommentare zu “Ubuntu, F(L)OSS und der Riese aus Redmond”

  1. 11.05.2006 | 20:39

    [...] Deshalb möchte ich auch auf den guten Artikel von Rayson von den Bissigen Liberalen über Freie Software und den Riesen aus Redmond hinweisen. Lesenswert. Die Schlußfolgerung des Artikels ist: Die einzige Chance, ein solches Monopol [von dem Riesen aus Redmond] anders als durch Enteignungsmaßnahmen aufzubrechen, hat da eigentlich nur ein Produkt, das selbst grenzkostenfrei verbreitet wird: Linux. Wenn denn die Softwareumgebung dazu nicht unbedingt von Programmierern für Programmierer zusammengestellt wird, sondern von einem Unternehmer, der weiß, was er will, und zwar Erfolg beim Endkunden. Eben einem wie Mark Shuttleworth. Etwas Besseres als Ubuntu hätte allen PC-Anwendern kaum passieren können. Egal, ob sie es selbst nutzen, egal, ob sie selbst überhaupt ein Linux-Paket nutzen. Denn es treibt den Wettbewerb voran, und es macht jedes Linux zur denkbaren Alternative. [...]

  2. 11.05.2006 | 22:14

    Ein Widerspruch? Rayson: Dennoch zeigt sich, um auf den “Basar” zurückzukommen, dass der F(L)OSS-Ansatz eins offenbar nicht oder nur unzureichend hervorbringt: Innovationen für den Anwender – Shuttleworth: die kreativen Ideen von den “Basar”-Leuten kämen

  3. 11.05.2006 | 22:39

    Der Unterschied liegt im “für”.

  4. 11.05.2006 | 23:14

    Ich wollte gern noch auf zwei andere Persönlichkeiten hinweisen, aber mein Kommentar ist wohl verschwunden. Sind zwei Links schon zuviel? Egal, die Namen könnt Ihr auch so in die Wikipedia eingeben: Donald Knuth als “Vater” von TeX hat schon 1980 mit einem heute noch sehr bekannten OpenSource-Programm begonnen. Den musste ich einfach nennen, weil ich nun auch schon 15 Jahre damit arbeite. Und Larry Wall ist die Persönlichkeit hinter der Sprache Perl (dessen Entwicklung begann auch schon vor 20 Jahren). Beides wird heute frei und kommerziell betrieben.

    Es gibt OpenSource-Projekte, die eher wie eine Expertokratie oder Meritokratie aufgebaut sind. Diejenigen, die die wertvollste Arbeit abliefern, sind auch automatisch die Entscheider und werden am meisten geachtet.

    Zu den sehr gut organisierten OpenSource-Projekten gehört auch “Apache”. Aus einem Interview mit Brian Behlendorf, Sprecher des Projekts:

    Fast alle Initiatoren kamen zu dem Projekt, weil wir geschäftliche Gründe hatten, anstatt Netscape den NCSA-Server zu benutzen. Wir brauchten einen besseren Server, als NCSA ihn uns bieten konnte und wir brauchten Quellcodes, weil der Stand der Technik damals weit davon entfernt war, ideal oder akzeptabel zu sein. Und selbst heute würde ich sagen, dass 80% der Entwickler involviert sind, weil sie ein geschäftliches Problem zu bewältigen haben, wobei ihnen Apache hilft …

    IMHO zeigt das, dass all diese Verbindungen, die zwischen Kommunismus und OpenSource hergestellt werden, völliger Blödsinn sind. OpenSource ist einfach eine andere (gleichberechtigte) Organisationsform, um Leistung zu bringen. Und Leistung lohnt sich auch dort …

    Deshalb bin ich auch gegen Patente. Die ClosedSource-Welt mag ihre Programme mit dem Urheberrecht schützen, das ist völlig ausreichend. Ansonsten sollte es aber einen freien Wettbewerb der beiden Systeme geben! Das dient nämlich /allen/ Nutzern. Oder glaubt jemand, dass Microsoft ohne den Druck der Konkurrenz von Firefox & Co. Verbesserungen am Internet Exploder vornehmen würde?

  5. 11.05.2006 | 23:31

    Irgendetwas ist da holprig. Kannst du bitte einmal an Beispielen illustrieren wo das Kathedralenmodell Innovationen für den Anwender gebracht hat, das Basarmodell aber nicht. Die beiden Modelle konkurrieren ja in der Softwareentwicklung, und da bekräftigt ESR erst kürzlich wieder die Nachteile des Kathedralenmodells. Für den Anwender der nach Innovation giert, ist es zunächst mal egal ob die Innovation mit Open oder Closed Source implementiert wird.

  6. 11.05.2006 | 23:41

    Die Vertreter des Basarmodells haben sich IMHO in der Vergangenheit oft mit sich selbst beschäftigt und Innovationen quasi für ihre eigenen Kreise hervorgebracht. Für die Anwender war nicht ersichtlich, was ihnen das bringen sollte. Für die Programmierer und Admins war es dagegen völlig einleuchtend.

    Wichtig sind aber Innovationen für die breite Masse der Anwender, vor allem für die Anwender, die man von einem Modell überzeugen möchte.

  7. 11.05.2006 | 23:56

    @Klaus

    Stefanolix hat es schon gesagt.

    Etwas konkreter: Apache ist originör F(L)OSS und Basar, aber OpenOffice ist sehr viel Kathedrale (Sun).

  8. 12.05.2006 | 0:19

    OpenOffice ist auch von einer anderen Seite her “Kathedrale”: nämlich wegen des Ziels, genauso gut wie (oder besser als) Excel, Word und Powerpoint zu werden …

  9. 14.05.2006 | 16:52

    @Rayson

    Schöner und interessanter Beitrag!

    Um meinen bewährten Ruf als nerviger Widerspruchsgeist nicht in Gefahr zu bringen, gehe ich mal auf einen kleinen Abschnitt ein (hehe), wo Du schreibst:

    Mark Shuttleworth sieht anscheinend ähnlich wie Hayek die Stärke der marktlichen Organisation in ihrer Eignung als “Entdeckungsverfahren“. (…) Wenn es aber darum ginge, diesen steten Drang neuer Ideen zu stoppen und eher das Erreichte auszubauen, ginge dies nur über die starke Hand eines Entscheiders an der Spitze, der eine konkrete Vorstellung vom zu erreichenden Ziel hat.

    Hat das Hayek in ähnlicher Form wirklich gesagt? Nun, Ordoliberale stehen zu dieser Sichtweise in klaren Gegensatz, denn wir sehen die Stärke der marktlichen Organisation ganz gewiss nur am Rand in ihrer Eignung als “Entdeckungsverfahren“, und wir sehen die eigentliche Stärke in der Allokationssteuerung aus Perspektive der Konsumenten (!) und in der Anreizwirkung des wettbewerblichen Zusammenhangs.

    Das ist – deutlich erkennbar – also ein anders gearteter Standpunkt, weil ja bei den Konsumenten von Fall zu Fall sowohl ein Interesse an Innovation (nebst den daran gekoppelten Entdeckungsprozessen) bestehen kann, aber auch am völligen Gegenteil (!), nämlich dem Verzicht auf Innovation.

    Anders gesagt, Innovation und Entdeckungsprozesse sind nicht per se gut, sondern nur dann, wenn sie den Konsumenten dienen.

    Demnach soll auch die Entscheidung über Innovationen nicht zentral, sondern idealerweise direkt durch die Konsumenten bzw. Nutzer erfolgen.

    Nun ist es nicht so (siehe Diskusson bei der ==> Liberalen Stimme), dass zentral entschiedende Prozesse in ihrer Leistungsfähgigkeit per se gegenüber einer marktlichen Steuerung durch Konsumenten/Nutzer deutlich unterlegen sind. Mitunter beträgt der Effizienznachteil lediglich 30%, und kann – im Einzelfall – durch andere Vorteile ausgeglichen werden.

    Im Fall eines genialen Einzelentschieders/planers (Thorwald als Beispiel) können in einem Einzelbereich durchaus auch effiziente und gute Entscheidungen getroffen werden, sogar effizienter, als dies in typischen Marktmechanismen der Fall ist.

    Auf Dauer gesehen ist das jedoch die totale Ausnahme und es entwickeln sich regelmäßig und oft Entfremdungen zwischen zentralen Entscheidungsträgern und den Betroffenen aus.

    Ein Beispiel dafür könnte auch die Firma Microsoft darstellen, welche als Nahezu-Monopolist die Stellung eines Zentralplaners einnimmt, und den Kunden/Nutzern z.B. Entscheidungen aufnötigt (z.B. Wechsel/Updates von Betriebssystemen, teure Innovationen, Unterbindung der Produktpflege älterer Produkte zum Zweck privater Gewinnmaximierung), welche von den Kunden zwar eindeutig nicht begrüßt werden, aber mangels Alternativen (quasi: Modell DDR) in Kauf genommen werden müssen.

    Wer als Betriebssystemkonsument seine bisherigen Investitionen in

    1. Hardware,
    2. Software,
    3. Schulungen/Wissen und
    4. Bildung kostbarer, gut funktionierender Arbeitsabläufe

    nicht verlieren will, kann nicht einfach mal eben das Produkt des Monopolanbieters ähnlich einfach wie z.B. einen Brötchenlieferanten austauschen und die eben aufgeführten vier Faktoren (quasi: sein werthaltiges Eigentum) mit einen alternativen Produkt ungehindert weiternutzen.

    Ein Dilemma.

    Einen Ausweg aus diesem Dilemma, außer einer an Konsumenteninteressen orientierten Monopolkontrolle weiß ich nicht wirklich, denn der Vorgang der Monopolkontrolle ist höchst heikel (und nicht zwangsläufig besser als ein ungeregelte Monopol), eine Monopolzerschlagung kann zudem sogar schädlich sein, andererseits ist ein individuelles Ausweichen auf einen anderen BS-Anbieter auch keine Garantie dafür, das sich dann die oben genannten Probleme dort nicht wiederholen.

    Ketzerisch fomuliert: LINUX ist keine Lösung (auf Dauer).

    Faszinierend sind für Ökonomen die Allemde-Problematiken von LINUX, die Problemlösungsversche, aber auch, dass ein derartiges kostenloses Produkt überhaupt so weit kommen konnte.

    Das hat schon gewisse paradoxe Züge, vielleicht auch einer gewissen “LINUX-Gläubigkeit bzw. quasi-religiösen Zügen (wie es auch Rayson beschreibt) geschuldet (was Rayson vermutlich etwas anders wertet) und ich fürchte, dass diese Allmende, wie so viele zuvor, irgendwann einmal liegen gelassen wird und dann verkommen wird. Möglich wäre auch, dass fundamentale Streitigkeiten zwischen verschiedenen Allmendewächtern und -koordinatoren ausbrechen werden.

    Interessant in meinen Augen auch, dass dies bislang noch nicht geschehen ist. Beispiele für ungepflegte und ineffiziente Allmenden gibt es ja zuhauf.

    Warum funktioniert sowas wie LINUX überhaupt? Ist es, wie Stefanolix schreibt, das Eigeninteresse der Entwickler an Folgejobs im Bereich Wartung und Dienstleistung?

    Ist ggf. die Kombination aus Allmende und Steuerung über einen “gutmütigen und genialen Zentralisten” (wie Thorwald)?

    Somit hat man zwar keinen Rückgriff auf Hayeks Ideengut, aber eine Erklärung in der Person der zentralen Hauptperson?

    Hmm, ich weiß nicht.

    Gemäß der Institutionenökonomik wäre übrigens zu erwarten, dass der Nutzen und die Nutzbarkeit von LINUX steigen würde, wenn (rein theoretisch !!) die US-Regierung oder WTO LINUX einfach komplett zum Eigentum zum Beispiel von Saddam Hussein erklären würde.

    (Ordoliberale und einige Vertreter der Neuen Institutionenökonomik würden einwenden, dass es doch eine Rolle spielt, wer die Allmende einzäunt, und dass bei diesem Einzäunungsvorgang derjenige den Vorzug erhalten sollte, der für das einzuzäunende Gut (hier: LINUX) am meisten zahlt. Saddam Hussein wäre somit für LINUX nicht optimal.)

    Man verzeihe mir die Provokation mit “Saddam Hussein”, aber ich finde es unter ökonomischen und institutionenökonomischen Aspekten interessant, dass sich im Fall von LINUX ein Allmende-Projekt überhaupt so lange behaupten kann.

    Woran liegt das? Sind es ggf. Besonderheiten auf dem Markt für Betriebssysteme, dass sich quasikommunistische Allmende-Projekte behaupten können?

    Wenn Microsoft, aber auch SAP im Fall von LINUX über die Handhabung geistigen Eigentums bei LINUX schimpfen (“Kommunismus!”), dann hat das einen wahren Kern, z.B. den Umstand, dass das Lizenzmodell von LINUX im Sinne freier Software bwz. weiterer Vergesellschaftung “ansteckend” ist und Privatisierungsbemühungen dreist widersetzt.

    Das ist tatsächlich der Fall und gegen private Interessen von alternativen und auf geistiges Eigentum setzende Anbieter gerichtet.

    Man drängt von Seiten der privaten Softwareanbieter also massiv auf eine Aushebelung des Lizenzmechanismus, der als “kommunistische Gefahr” und möglicher Schwachpunkt erkannt wurde, und zwar nicht als Liebhaber von LINUX, sondern ganz im Gegenteil, um (z.B. von Seiten von Microsoft) damit wohl verstandene Privatinteressen zu fördern.

    Ich stelle die Hypothese in den Raum, ob nicht vielleicht sogar das alte und eigentlich überkommende “kommunistische” Lizenzmodell von LINUX eine der Gründe dafür ist, dass sich dieses paradoxe Allmendeprojekt bislang erfolgreich behaupten konnte.

    Allerdings: Ich weiß es nicht.
    Ich habe absolut keine Ahnung.

    Eigentlich ist eher zu erwarten, in meinen Augen, dass die imemr drängenderen Probleme bei LINUX durch eine möglichst baldige Einzäunung der Allmende (beziehungsweise: von besonders kritischen Teilen davon, z.B. der I/O-Schnittstellen bzw. Gerätetreibern) lösen könnte.

    Anderseits entwickeln sich antikapitalistische bzw. altruistsiche Projekte wie Wikipedia (trotz zahlreicher Qualitätsmängel) unerwartet konstant gut.

    Eigentlich geht das nicht, oder?

    Eine Privatisierung müsste doch etwas besser sein als eine “freie”, tatsächlich aber zentral und über Zwangsmechanismen gesteuerte Wikipedia, welche ja nicht zuletzt den privaten Lexikonanbiertern erhebliche Schäden zufügt und diesen die freien Entfaltungsmöglichkeiten nimmt, oder?

    Wäre Wikipedia deutsch, hätten die Lexikonverlage den hässlichen, antikapitalistischen und und oft auch in vielen Bereichen inhaltlich falschen Konkurrenten Wikipedia längst schon mit massenhaften Abmahnungsverfügungen sturmreif geschossen.

    Leider kann das jedoch z.Zt. nur die Umleitung der de-Domain juristisch in die Mangel genommen werden, sodass der Kampf gegen dieses Allmendeprojekt namens “Wikipedia” zur Zeit nicht erfolgreich bestritten werden kann.

    Der Preis ist allerdings ggf. hoch, den wir dafür zahlen, und man wird dies (z.B. im Niedergang des privaten Brockhausverlages) schon bald sehen, nämlich einem Niedergang der Lexikonkultur und ein Regieren des Mobs und der Tagesmeinung bei der Darstellung von Lexikonthemen.

    Meine Frage lautet also ganz grundsätzlich:

    Allmende oder Privateigentum?

    Oder anders: Wäre es möglich, dass es ökonomische Bereiche gibt, wo Allmenden auf Dauer funktionieren können?

    Ich bin geneigt, dies zu bejahen.

    Oder ist die vermeintliche oder echte Allmende letzlich nur das Ergebnis eine genialen Erfinders, welcher sein geistiges Eigentum, eigentlich grob fahrlässig, nicht nur anderen zur Verfügung stellt, sondern sich auch an der Weiterentwicklung im Sinne eines Gemeinnutzens beteiligt, und zwar u.a. als zentral koordinierender Letztentscheider oder wie Stefanolix schreibt, als meritokratisches System (was aber immer noch kein Marktmodell darstellt).

    Es gibt OpenSource-Projekte, die eher wie eine Expertokratie oder Meritokratie aufgebaut sind. Diejenigen, die die wertvollste Arbeit abliefern, sind auch automatisch die Entscheider und werden am meisten geachtet.

    Man kann hier allerdings darauf verweisen, dass gerade die Unzufriedenheit von Bill Gates mit unzulänglichen Entwickler-Meritokratien der Grund dafür war, dass Bill Gates Microsoft gegründet hat.

    Nur: Abgesehen davon, dass es die Interessen derjenigen massiv schädigt, welche sich am freien Markt behaupten, Firmen zum Beispiel wie Microsoft, die Förderung von Software-Allmende und Open Source ist dann ja doch fast so etwas wie Kommunismus, oder? Es ist ein eindeutiger Verzicht auf Privateigentum am Softwarecode. Kann ein oft sogar offen altruistisch motivierter Verzicht auf Privateigentum auf Dauer zum Nutzen der Gesellschaft sein?

    Bei Wikipedia wird ja sogar auf jeglichen gewerblichen Nutzen verzichtet und absolut nichts für die Interessen von Privateigentümer getan. So ganz ohne gewerbliche Interessen und Privateigentum ist dann doch Sozialismus, oder? Kann das gut sein?

    Rayson stellt hier die richtigen Überlegungen an:

    Dennoch zeigt sich, um auf den “Basar” zurückzukommen, dass der F(L)OSS-Ansatz eins offenbar nicht oder nur unzureichend hervorbringt: Innovationen für den Anwender. Größere Programmiervorhaben, die nicht wesentlich auf Bestehendem aufsetzen, oder ganz neue Ideen werden immer noch in proprietären Produkten vorgestellt – einfach, weil die Realisierung von solchen Dingen meist Kapital benötigt, das sich rentieren muss, und weil die Personen dahinter von ihrem Wurf auch dann leben können wollen, wenn kein hoher Serviceaufwand damit verbunden ist.

    Das bedeutet einerseits, dass für die Konsumenten neben einem zwangsläufigen Innovationsmangel stets eine TCO-Problematik entstehen muss, deshalb, weil Open Source-Anbieter, sofern sie nicht ideologisch und antikapitalistisch tätig sind, sondern in ihren eigenen Interessen, gerade dazu gezwungen sind, bei geringer eigener Innovationsneigung die TCO-Kosten der Konsumenten zu erhöhen, um über diesen trickreichen Umweg die eigenen Dienstleistungen verkaufen zu können.

    Langfristig zum Schaden der Konsumenten, denn ein Softwareanbieter, der volles Eigentum an seiner Software hat, der kann auf derartige Tricks verzichten und sich damit also offen dem Kampf um die Gunst der Konsumenten stellen.

    Ich denke, dass man sich derartige Probleme, sollten diese längere Zeit persistieren, über Anpassungen des weltweiten Urheberrechts bestens in den Griff bekommen wird, und damit die Entfaltung kommerzieller Privatinteressen etwas mehr Raum geben wird.

    Noch schärfer formuliert: LINUX ist heute schon praktisch tot, und es werden sich z.B. über die Weiterentwicklung des Patentwesens Wege finden, das Ende zu beschleunigen.

    Die quasi-religiösen Anhänger (Rayson spricht hier von “eine Religion und ein Hype”) werden sich dann halt etwas Neues suchen müssen, und sich z.B. als Apple-Anhänger be(s)tätigen.

    Was aber, wenn sich ein Produkt wegen des Kopplungsproblems (s.o.) für einen freien Markt nicht wirklich perfekt eignet, deshalb, weil es relativ automatisch ins Monopol läuft, wie es im Bereich der BS schon immer zu sehen war?

    Sollte der Staat dann Open Source (u.ä.) fördern, zu Lasten freier Anbieter und Privateigentümer von Software? Oder sollte der Staat ausgeleichend wirken und jeweisl auf das private BS sezten, welches eine lebendige Konkurrenz zum Fast-Monopolisten darstellt (das wäre hier Apple)?

    Soll der Staat bei seinen Handlungen (als Nachfrager und als Gesetzgeber) Privateigentum an Software fördern oder durch Förderung von Open Sorce und anderen Allmende-Projekten bekämpfen?

    Kommunismus oder Privateigentum?

    Übrigens, ich hab die Anarchokapitalisten unter den Leser/innen jetzt lange genug gequält, jetzt kommt die Pointe:

    Ordoliberale Linksliberale sehen diese Problmestellungen ganz entspannt und undogmatisch:

    Scheiß auf Buchanan/Hayek!

    Privates Eigentum ist halt nicht alles und eignet sich nicht für religiöse Zwecke. Wenn ein Allmendeprojekt einen erheblichen öffentlichen Nutzen stiftet (und dies effizenter als Privateigentümer-Modelle), dann verdient es moderate öffentliche Förderung.

    Überragender Gemeinnutzen kann im Einzelfall Vorrang gegenüber Privateigentümer-Interessen haben.

    So einfach ist das.

  10. 14.05.2006 | 17:44

    Öffentliche Auftraggeber müssen ihre Aufträge nach strengen Kriterien vergeben, die /Förderung/ einer speziellen Art von Software darf dabei zunächst keine Rolle spielen.

    Der öffentliche Auftraggeber muss die gewünschte EDV-Lösung zuerst sorgfältig beschreiben (Leistungsumfang, Datenformate, Schnittstellen, Datenschutz, Datensicherheit …). Darin steckt sehr viel Arbeit.

    Er muss dann bei allen größeren Projekten eine Ausschreibung durchführen und nach der Ausschreibung entscheiden, welche Variante nach allen untersuchten Gesichtspunkten [wirtschaftlich und fachlich] am besten geeignet ist. Bei solchen Ausschreibungen können OpenSource-Lösungen gewinnen oder verlieren. Entscheidend ist hier, dass mit den öffentlichen Geldern so sorgsam und korrekt wie möglich umgegangen wird.

    Einen automatischen Bonus bei Ausschreibungen halte ich für falsch, da muss die beste Lösung gewinnen (und OpenSource ist ja oft die beste Lösung).

    Nun gibt es bestimmte Gebiete, wo OpenSource-Software schon allein aufgrund des offenen Quellcodes punkten kann. Dazu gehört zum Beispiel der Sicherheitsbereich. Das BSI hat deshalb aus fachlicher Sicht entschieden, bestimmte OpenSource-Projekte zu fördern. Das sehe ich aber eher als eine Art Förderung der Forschung und Entwicklung.

    Ein weiteres Gebiet, wo OpenSource eigentlich die einzig richtige Lösung ist, wäre die E-Demokratie (speziell die Software der Wahlautomaten).

  11. 14.05.2006 | 18:01

    Nun, Ordoliberale stehen zu dieser Sichtweise in klaren Gegensatz, denn wir sehen die Stärke der marktlichen Organisation ganz gewiss nur am Rand in ihrer Eignung als “Entdeckungsverfahren“, und wir sehen die eigentliche Stärke in der Allokationssteuerung aus Perspektive der Konsumenten (!) und in der Anreizwirkung des wettbewerblichen Zusammenhangs.

    Das ist alles andere als ein Gegensatz. Denn der Markt taugt eben deswegen als Entdeckungsverfahren, weil über Erfolg und Misserfolg das Zusammenspiel von Ressourcennutzung und Konsumentenpräferenzen im Wettbewerb immer wieder neu entscheidet. Aber klar: Du musst für deine künstlichen Frontstellungen natürlich einen Gegensatz basteln.

    Torvalds ist keinesfalls ein Planer. Er ist Koordinator und Letztinstanz. Die Entwicklung selbst wird von anderen vorangetrieben.

    Warum Linux funktioniert, meinte ich beschrieben zu haben. Es funktioniert, weil die Präferenzen derer, die daran mitmachen, in vielfältiger Form bedient werden (Selbstverwirklichung, Rum und Ehre, Supportumsatz, Projektumsatz), und weil grenzkostenfreie Lösungen das einzig erfolgversprechende Gegenmodell gegen Infrastrukturmonopolisten sind.

    Software ist generell untauglich für das Loblied auf die Allmende. Ein Aspekt, den ich in meinem Beitrag zu sehr übersehen habe, ist, dass Software wie geistiges Eigentum generell ein Gut ist, bei dem der Konsum nicht rivalisert. Damit entfällt die Notwendigkeit eines Rationierungsmechanismus z.B. über Grenzpreise. Und daher rührt auch die Kopplung der Innovation an die künstliche Herstellung der Konsumrivalität über Lizenzen.

    Linux brauchte diese nicht, weil es zunächst allein durch die Produktion für den Eigenbedarf wuchs und dann Unternehmen damit alternative Geschäftsmodelle realisieren konnten. Da hat im jetztigen Stadium wenig mit Allmende zu tun, sondern, wie geschrieben, mehr mit Polaroid-Kameras, Tintenstrahldruckern oder Rockefeller-Öllampen.

    Andere erfolgreiche F(L)OSS-Anbieter wie MySQL oder das Trolltech (Qt) machen das mit “Dual License”-Modellen klar: Wer Einkommen mit der Software erzielen will, kann eine Nicht-GPL-Lizenz käuflich erwerben, und professioneller Support wird ebenfalls gegen Entgelt angeboten. Nur durch diese Modelle halten sich diese Unternehmen und können die Weiterentwicklung ihrer Produkte finanzieren.

    Das Problem des Einkommenserwerbs, um sich all die Waren leisten zu können, deren Konsum leider rivalisiert (und die Steuern für die anderen zu zahlen), löst F(L)OSS auch modellhaft nicht. Ein Großteil der Zulieferer sind Schüler und Studenten, denen sich diese Frage im großen Stil noch nicht stellt, und die älteren Entwickler sind ebenfalls alle bei Softwareunternehmen tätig, die entweder mit dem Produkt selbst auch Geld verdienen (z.B. Alan Cox bei “Red Hat”), oder die das F(L)OSS-Engagement mal mehr, mal weniger billigend in Kauf nehmen, so lange sie auch sonst von diesem Entwickler gute Arbeit bekommen (Guido van Rossum bei Google, Torvalds zwischenzeitlich bei Transmeta).

    Auch das von mir gepriesene Engagement von Shuttleworth ist zunächst die Einkommensverwendung eines Enthusiasten: Ohne seine ganz gewöhnlich erworbenen Millionen kein Ubuntu (und wahrscheinlich auch weniger Debian).

    Es ist übrigens grundfalsch, F(L)OSS als Verzicht auf Privateigentum zu betrachten. F(L)OSS ist ganz bewusst keine Public Domain! Auch die GPL setzt ein Eigentumsrecht voraus, das von den Eigentümern auch in Anspruch genommen wird, und ohne das dieses Modell eben nicht funktioniert.

    Jetzt auch mal fett gegen deinen extensiven Einsatz dieser Formatierung:

    Die GPL ist ein Mittel zur Durchsetzung von Privateigentümer-Interessen.

    Wikipedia ist natürlich auch keine im Gegensatz zum Markt stehende Zwangseinrichtung. Der Gegensatz, den du das versuchst aufzustellen, existiert nicht. Niemand wird gezwungen, bei Wikipedia mitzumachen oder zugunsten von Wikipedia Eigentum abzugeben. Dass zu Koordinationszwecken diejenigen, die sich freiwillig zum Mitmachen entschieden haben, über Anweisungen und Regeln geführt werden, ist in jedem Unternehmen der Fall.

    Dass F(L)OSS als Alternative zu einem Monopol bereitsteht, ist geradezu ein Musterbeispiel, wie der Markt als Entdeckungsverfahren zentraler Planung überlegen ist.

    Wenn wir uns jetzt mal konkret politisch fragen, was aus staatlicher Sicht zur Erhaltung einer freien Software-Infrastruktur erforderlich ist, so lautet die Antwort jenseits irgendwelchen Ideologiegeklingels einfach: Offene Standards. Die EU-Kommission schlägt daher gegenüber Microsoft genau den richtigen Weg ein. Sie könnte und sollte noch einen Schritt weiter gehen und wie Massachusetts offene Dokumentenstandards fordern. Und ganz wichtig: Die Patentierung von Software, Fileformaten und Trivialem sollte untersagt bleiben.

  12. 14.05.2006 | 18:36

    “Der öffentliche Auftraggeber muss die gewünschte EDV-Lösung zuerst sorgfältig beschreiben (Leistungsumfang, Datenformate, Schnittstellen, Datenschutz, Datensicherheit …). Darin steckt sehr viel Arbeit.”

    In der Tat. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das öffentliche Ausschreibungswesen ineffizient ist, aber wie das – realistisch und effizient – zu verbessern wäre, da fehlen mir, gerade bei derartigen Softwareprojekten, die Ideen.

    Überfällig wäre eine Veränderung trotzdem, denn die erschreckende Quote und die immensen Kosten der staatlichen Fehlsteuerung in diesem Bereich (die Kosten gehen vermutlich insgesamt fast in die Milliarden) zeigen m.E. einigen Handlungsbedarf.

    Und doch: Eine gezielte Förderung kleiner Anbieter oder von Open Source: Das darf der Staat, und es könnte sogar sinnvoll sein.

  13. 14.05.2006 | 18:44

    @Stefanolix
    Mal ins Grobe formuliert:

    Ich könnte mir vorstellen, das es sinnvoll wäre, wenn der Staat (bei SW-Entwicklungsprojekten) einen Open Source-Bonus kalkuliert (weil dort – theoretisch – Gemeinnutz anfällt), und also Open Source-Angebote bevorzugt, wenn diese nicht mehr als 10% teurer als konkurrierende Nicht-Open-Source-Angebote sind.

    Eigentlich paradox: Die Entscheidung für das schlechtere Angebot als gesamtwirtschaftlich optimale Variante…

  14. 14.05.2006 | 18:56

    @Rayson
    Du schreibst:

    Und ganz wichtig: Die Patentierung von Software, Fileformaten und Trivialem sollte untersagt bleiben.

    Dieser Standpunkt ist ja (auch) ideologisch, und ich teile ihn.

    Mein Kriterium hierfür ist die Abwägung von Gemeinnutz vs. privatem Nutzen. Das ist ideologisch, und man kann – wie einige wirtschaftsliberale in der FDP (u.a.) zu anderen Ergebnissen kommen, wenn man von einem prinzipiellen Primat des Privateigentums ausgeht.

    Ich behaupte hingegen:

    Ein derartiges Primat ist nicht sinnvoll, und wer ein Primat des Privateigentums z.B. bei geistigen Gütern behauptet, ist nicht mehr liberal im eigentlichen Sinn.

    Und im Fall von Trivialpatenten fällt die Abwägung von Gemeinnnutz zu Privateigentumsinteressen allzu arg gegen den Gemeinnutz aus, vor allem deshalb (Vorsicht! linker Ordoliberalismus!), weil der Wettbewerbszusammenhang durch Trivialpatente gestört wird.

    Das geht ganz massiv gegen das allgemeine Wohl – und die gewisse Anreizwirkung kann dies nicht kompensieren, gerade nicht im Fall der Trivialpatente.

    Das bedeutet dann aber ganz nebenbei auch den Zusammenbruch bestimmter, rein auf Privateigentum fixierter Dogmen der Institutionenökonomik.

    Auch von daher: Durchaus interessant.

  15. 14.05.2006 | 19:21

    Ich brauche das Konstrukt eines Gemeinnutzens nicht, um bei Gütern mit
    nicht-rivalisierendem Konsum einen Sonderfall festzustellen.

    Wir reden da dann sowieso nur über verschiedene Größenarten staatlichen Eingreifens, vom Urheberrecht bis zu Patenten. Sinn und Zweck der so entstehenden staatlichen Privilegierung: Anreiz zur Produktion schaffen, indem verhindert wird, dass die Früchte einer Investition von Trittbrettfahrern entwendet werden können. Wo aber die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass ein ähnliches Produkt nicht das Ergebnis von Trittbrettfahrern, sondern die eigenständige Leistung eines anderen ist, brauche ich solche Privilegien eher weniger.

    Vergessen wir nicht, dass es sich gerade bei Patenten nicht nur um ein verliehenes Eigentumsrecht, sondern gleichzeitig auch um äußerst langfristige Monopole handelt, und staatlich begründete Monopole sind nicht gerade etwas, wonach Liberale lechzen würden. Zumal gerade bei Software wegen der Innovationszyklen die Payback-Perioden deutlich kürzer als die Patentlaufzeiten sind.

  16. 14.05.2006 | 21:21

    @Rayson
    Ich dachte mir schon, dass bei Dir allein schon beim Begriff “Gemeinnutz” der Bereich libertärer Denkverbote überschritten ist und daher alle Alarmlampen angehen. Dass Du dieses “Konstrukt” (hähä: wie kommst Du hier auf “Konstrukt” – meinst Du etwa, es gäbe kein Gemeinwohl?) nicht “brauchst”, nun: Das bestreite ich – und zwar vom Fundament her.

    Schau mal, man kann sich über politische Fragen kaum ernsthaft streiten, es gibt – über Feindseltigkeiten und zwischenzeitliche Kompromisse hinaus – nicht mal einen Begriff des Politischen mehr, wenn man den Begriff des Gemeinnutzes für unerheblich erklärt.

    Wozu beispielsweise für freien Wettbewerb streiten, wenn nicht aus Gründen des Gemeinnutzes?

    Eine Idee, Rayson?

    Ohne Gemeinnutz wird jegliche Politik sinnlos.

    Oder halt zum gesinnungslosen Klientelistenkampf.

    Auch die Differenz zwischen Liberalismus und Kollektivismus ist letzlich auf eine Gemeinnutzdebatte rückführbar. Doch, das geht – ganz locker.

    Nämlich in dieser simplen und zutreffenden Feststellung:

    Gesellschaftlicher Kollektivismus senkt den Gemeinnutz eines Staatswesens, und zwar sehr empfindlich, weil nämlich der kollektive Verlust von Individualrechten im Kollektivismus die allgemeine Wohlfahrt herabsetzt.

    Wäre Liberalismus gemeinwohlschädlich (was nicht der Fall ist), wäre er eine sinnlose und schädliche politische Ideologie.

    So, und weil derlei Ansichten (und dieses in Ohren von Neocon-Libertären schrill klingende Wort Gemeinnutz) sofort mit den Lesern versöhnt werden sollten, jedenfalls hier an dieser Stelle, habe ich noch zwei hübsche, einigermaßen aktuelle Links zum Thema “geistiges Eigentum”. Viel Spaß:

    1. ==>Realsatire

    2. ==>Betroffenenperspektive

  17. 14.05.2006 | 21:31

    @Rayson
    P.S.
    Der Rest Deiner Argumentation ist richtig, und gerade die typisch kurzen Amortisationsfristen geben m.E. einen Hinweis darauf, wie man einen guten Kompromiss aus “Anreizwirkung” (im Sinne der allgemeine Wohlfahrt…), Inanspruchnahme des Staates als Monopolhüter (in der Tat: für Liberale ein scheußlicher Gedanke) und dem Interesse von Wettbewerb/Konkurrenten/Allgemeinheit (und nochmals: Gemeinwohl…) wählen könnte:

    Nämlich mit relativ kurzen Schutzfristen und rewlativ hohen Anforderungen an die notwendige Werkhöhe.

    Ich könnte mir 7 Jahre gut vorstellen, aber sogar auch, dass drei Jahre gut funktionieren würden. Da fällt mir ein: Wenn man private Regelungen im Bereich konkurrierender Patente anschaut (zum Beispiel AMD vs Intel), dann fallen zwei Dinge hier massiv auf:

    1. Patenttauschabkommen: Offenbar gilt das für beide Beteiligten als wohlfahtssteigernd PLUS

    2. Einen Exklusivverwertungszeitraumf von 18 Monaten für die jeweilige Erfindung (teils: 12 Monate). Zu Deutsch: Wenn AMD einen netten Baustein zur Multiprozessortechnologie gefunden hat, dann bleibt dieser Firma nach dem Patenttauschvertrag nur noch 18 Monate, um dies exklusiv zu verwerten. Und umgekehrt.

    Der Witz: Offenbar hat man hier ein günstiges Verhältnis aus “Anreiz” (über den Schutzzeitraum) und “Kooperation” gefunden.

    Was meinst Du, Rayson? Schutzzeitraum 3 Jahre?

  18. 14.05.2006 | 21:36

    “Denkverbote” ist witzig – was man nicht nutzt, muss nicht verboten sein, man kann es auch für unbrauchbar halten. So mal als Gratis-Tipp eines Nutzenmaximierers.

    Wenn “Gemeinwohl” kein Konstrukt ist: Dir ist also schon einmal ein solches begegnet? Wie sah es denn aus? Konnte es sprechen? Hat es Grüße an Reinhold Messner ausrichten lassen?

    Wozu beispielsweise für freien Wettbewerb streiten, wenn nicht aus Gründen des Gemeinnutzes?

    Um die Freiheit des Einzelnen zu gewährleisten?

    “Neocon-Libertären”

    Uiuiui, der Mann ist ja die reinste Etikettiermaschine.

  19. 14.05.2006 | 21:39

    Schutzzeitraum 3 Jahre?

    Maximal. Ich würde eher <= 2 Jahre sagen. Aber wozu Patente, wenn es ein Urheberrecht gibt, das viel besser anwendbar ist.

  20. 14.05.2006 | 23:47

    Beim Urheberrecht verschärt sich doch die Problematik mit den Schutzfristen, oder?

    Man stelle sich jetzt irgendeine prima Grundlagentechnik im Softwarebereich vor, und einen Schutz dafür bis 70 Jahre nach Ableben des Programmierers…

  21. 14.05.2006 | 23:50

    @Etikettiermaschinenbewunderer

    ;-)

    Auf “Neocon-Libertärer” bekomm ich ein Patent? Außerdem ist dieses Etikett zugleich eine schöne Schublade, schön geräumig, da passt ordentlich was rein, jedoch ohne Gefahr, dass hier z.B. linke Socken reingeraten.

  22. 15.05.2006 | 5:58

    Nicht nur auf “Neocon-Libertärer”, sondern auf alle Ihre gern verwendeten Schubladen und auf die etwas übertriebene Textauszeichnung. Das dürfte andere von der Nutzung abhalten ;-)

    Eine Grundlagentechnik kann durch das Urheberrecht überhaupt nicht geschützt werden, sondern nur die Umsetzung einer Grundlagentechnik. Wenn die Firma X eine solche Implementierung schafft, können andere (auch freie) Programmierer in einer anderen Programmiersprache und/oder auf anderen Plattformen ihre eigenen Implementierungen schreiben. Die Firma X kann ihr Programm als proprietäres Programm verkaufen (warum nicht?) und andere können ihre Programme als OpenSource verteilen.

    Bekäme die Firma X darauf ein Patent, wäre die Nutzung dieser Grundlagentechnik durch Andere stark behindert. Zu AMD und dem Komplex Softwarepatente schreibe ich heute abend eventuell noch ein paar Anmerkungen.

  23. Name
    16.05.2006 | 12:21

    “Der Hype entstand in einer überwiegend jugendlichen Öffentlichkeit. Aus einem “die Hersteller proprietärer Software sind böse, weil sie Geld verdienen wollen” wurde “alles ist böse, was Geld verdienen will”, und man begann, F(L)OSS als Muster fürs Wirtschaften schlechthin zu begreifen. Die Affinität gerade für Linke liegt auch nahe: Entfremdung, Mehrwert, Wertlogik – all das schien plötzlich lösbar.”

    Das ist nicht richtig und ich weiss nicht wieso sich das Gerücht so lange hält. RMS höchstselbst hat am Anfang seiner Karriere Software gegen Geld verkauft, aber eben mit dem Quellcode.
    Oder um RMS mal zu zitieren:
    “The explanation for “free software” is simple–a person who has grasped the idea of “free speech, not free beer” will not get it wrong again.”
    Von “alles ist böse, was Geld verdienen will” ist da nirgendwo die Rede, es werden nur die Arten Geld zu verdienen ausgeschlossen, bei denen man für “Free speech” Geld bezahlen soll.

    Kein Programmier mag proprietäre Software, weil sie nicht flexibel ist. Man kann sie weder anpassen oder verbessern, sondern ist von der Willkür der Hersteller abhängig. Übrigens hat sich OpenBSD, ein freies OS ohne eine “ansteckende” Lizenz, gerade daran gemacht binary-only Treiber zu verteufeln, weil sie so eklig sind. Hier steht mehr: http://openbsd.org/lyrics.html#39

  24. 16.05.2006 | 12:32

    @(unbekannter)Name

    Ich behaupte nicht, dass diese Einstellung der Free-Software-Bewegung zu eigen ist. Eher im Gegenteil. Aber es gab eben Linke, die sowas daraus machen wollten.

  25. 16.05.2006 | 15:56

    @Stefanolix
    Du schreibst:

    Zu AMD und dem Komplex Softwarepatente schreibe ich heute abend eventuell noch ein paar Anmerkungen.

    Ich bitte darum! Es würde mich freuen, zumal dann ggf. auch Aspekte von Marktformenkritik angesprochen werden könnten. Spannendes und schwieriges Thema.

  26. 18.05.2006 | 5:57

    Bei AMD und Intel geht es um Hardwarepatente, Patente auf Herstellungsverfahren oder speziell auch um Patente auf Verbesserungen an den x86-Prozessoren. Das würde ich scharf von Softwarepatenten abgrenzen. Die Kunden erwarten, dass die Prozessoren beider Hersteller bestimmte Techniken unterstüzen und deswegen werden die Patente getauscht. So denke ich, dass Hardwarepatente ihre Berechtigung haben.

    Ich denke, Intel und AMD brauchen einander bis zu einem gewissen Grad: wenn AMD wegfiele, dann wäre Intel plötzlich Monopolist und bekäme arge Probleme mit den Kartellbehörden. Und AMD ist ja überhaupt erst mit dem “Nachbauen” von Intel-Prozessoren ins Prozessorgeschäft eingestiegen. Erst Jahre später wurden sie richtig innovativ und heute treiben sie den Wettbewerb mit voran.

    Softwarepatente wären dagegen vom ersten Tag an eine Bremse für den Fortschritt, weil man damit (anders als mit dem Urheberrecht) eine grundlegende Technik für alle anderen Programmentwickler blockieren könnte. Für die OpenSource-Welt gäbe es zwar Reaktionsmöglichkeiten, aber das Programmieren würde ungleich schwerer. Deshalb: konsequente Anwendung des Urheberrechts, aber so wenig wie möglich Patentrecht …

  27. 18.05.2006 | 10:12

    Eine Ergänzung zu einem ganz anderen Aspekt von OpenSource: Es gibt immer wieder Stimmen, die OpenSource mit bestimmten Weltanschauungen verbinden. Gestern abend bin ich auf solch eine Meinung gestoßen: da ging es um eine vermutete Verbindung zwischen OpenSource und Anarchismus.

    Nach allen Erfahrungen, die ich in den letzten 15 Jahren mit OpenSource im weitesten Sinne sammeln durfte (damals war es noch nicht Linux), hat die Software-Entwicklung nach dem OpenSource-Prinzip nichts mit Anarchie oder Anarchismus zu tun.

    Ganz sicher gibt es anarchistisch denkende Nutzer, denen OpenSource näher liegt als proprietäre Software. Dem Wesen nach ist OpenSource ohnehin für alles verwendbar und es darf keine Einschränkungen geben.

    Aber sobald es an die ernsthafte Entwicklung geht, kann man anarchistische Prinzipien vergessen.

    Das gilt an der Spitze der Entwicklung des Linux-Kernels, wo es ganz eindeutige Verantwortungsbereiche, Entscheidungswege und festgelegte Regeln gibt. Das gilt auch sonst in jedem Projekt, das ich kenne. OpenSource-Entwickler haben das Ziel, professionelle Software abzuliefern. Und die entsteht nur in allgemein akzeptierten Strukturen, das erfordert also auch Einordnung in die “Hierarchie” eines Projekts.

    Die Hierarchien entstehen dort anders als in einer Softwarefirma, ich hatte hier schon mal das Wort “Meritokratie” verwendet. Aber das heißt nicht, dass es keine Hierarchien gäbe. OpenSource-Projekte können auf einige Posten verzichten, die in einem Unternehmen vorhanden sind. Das macht sie schlanker und effizienter. Aber OpenSource-Projekte werden auch professioneller: manche betreiben Öffentlichkeitsarbeit und haben ein eigenes Marketing.

    Mein Fazit: Nach anarchistischen Prinzipien kann man IMHO kein größeres Projekt laufen lassen und noch nicht mal einen Linuxtag oder eine Installparty organisieren. Aber OpenSource gibt vielen Nutzern ein Stück mehr Freiheit auf ihren Rechnern — insofern doch ein klein wenig Anarchie.

    PS: Übrigens kenne ich auch keine OpenSource-Leute (zumindest keine professionellen), die sich an den sogenannten Flamewars gegen Windows, Micro$oft oder das proprietäre Ausbeutungssystem beteiligen. Um Statler etwas abgewandelt (aus einem anderen Zusammenhang heraus) zu zitieren: wer wirklich an seine Sache glaubt, hat das nicht nötig …

    PPS an Dr. Dean: die richtige Einleitung wäre gewesen “Wirtschaftsliberale auf Abwegen”, denn mit Rechts oder Links hat das hier eigentlich überhaupt nichts zu tun.

  28. 18.05.2006 | 11:26

    @Stefanolix
    “Das würde ich scharf von Softwarepatenten abgrenzen”

    Wieso?

    “an Dr. Dean: die richtige Einleitung wäre gewesen “Wirtschaftsliberale auf Abwegen”, denn mit Rechts oder Links hat das hier eigentlich überhaupt nichts zu tun.”

    Schau mal: Aus eurer Sicht bin ich ein “Linker” oder auch ein “Salonsozialist”, egal wie stringent ich antietatistisch und ordoliberal bin, egal, wie antikollektivistisch ich bin, egal, wie oft ich immer wieder Vorschläge zur Absenkung von Staatquote oder Subventionsabbau mache.

    Ulkig, oder?

    Ihr teilt (mich auch!) politische Gegner in ein rechts-links-Schema ein und würdet gerne behaupten (wie praktisch jede Richtung), dass ihr genau in der Mitte steht, sozusagen den “Kern” ausmacht.

    Genau das behaupte ich ja auch vom Linksliberalismus. Hier sehe ich mehr “Kern” und mehr Liberalismus als bei euch.

    Sorry, aber so sehe ich das. Und ihr “Prowestlichen” Liberalen (hach! nochmal eine neue Etikette aus der Deanschen Etikettenfabrik) seht es halt genau umgekehrt.

    Ich teile – genau wie die Bevölkerung und wie die Mehrheit aller Politologen – politische Richtungen zunächst grob in ein Linksrechts-Schema ein.

    Gemessen am Linksliberalismus seid ihr nun einmal eindeutig “rechts” (was natürlich nichts mit rechtsextremen Positionen oder Konservatismus zu tun hat) und umgekehrt, wir sind im Vergleich zu euch “links” (was natürlich nichts mit linkssextremen Positionen oder Sozialismus zu tun hat).

    Verwirrend, was?

    Es ist nicht willkürlich, sondern sogar zwingend, wenn man das “links”-sein der Linksliberalen als einseitige Orientierung an Arbeitnehmerinteressen und einfachen Bürgern auffasst, und das “rechts”-sein der Rechtsliberalen als Orientierung an den Besserverdienern, “Erfolgreichen” und “Leistungsträgern”.

    Stimmt doch, oder?

    Es gibt einen gemeinsamen liberalen Kern, z.B. Orientierung am ökonomischen Wettbewerb, Migrationspolitik, Staatskepsis, politische Freiheiten,…

    (höhö: wo die Linksliberalen tatsächlich viel stringenter und besser sind, behaupte ich mal)

    …und es gibt klassisch Trennendes, exakt den uralten Gegensatz seit 1871 zwischen Linksliberalismus und Rechtsliberalismus, welcher stringent (!) dem Rechts-Links-Schema folgt, z.B. Pazifismus oder die bedeutende Frage, wer durch fiskalisch oder finanziell wirkende politische Maßnahmen be- und entlastet werden soll (wir finden: eher die einfachen Arbeitnehmer. Ihr findet: eher die “Leistungsträger”).

    Außerdem sind Linksliberale weitaus bessere Anti-Etatisten!

    Behaupte ich mal.

    Denn wir würden z.B. den ganzen EU-Dreck (sorry!) mit Agrarsubventionen und Strukturfonds am Liebsten vollständig abwickeln, Geheimdienste (strukturell antiliberal!) und Rüstungsetat gerne halbieren, den Transrapid-Dreck (immerhin rund 4 Mrd. Euro, wenn man über den Bundesetat hinausschaut) und Ähnliches ebenfalls gerne sofort und für alle Ewigkeit einstampfen (yes!), und im Fall von Studiengebühren setzen wir auf eine schlank organisierbare allgemeine Steuerprogression (das ist zugleich: Anti-Etatismus), während Rechtsliberale sich für “gerechte” nach- oder vorgelagerte Studiengebühren begeistern inklusive der damit unausweichlich verbunden bürokratischen Aufblähung.

    Wir sehen: “Rechtsliberale” und “Linksliberale” unterscheiden sich erheblich. Auf die Spitze formuliert würde ich sagen (und ihr natürlich das genaue Gegenteil):

    Wir sind die besseren Liberalen.

    Man muss also, auch wenn man die Begriffe “Rechtsliberale” und “Linksliberale” nicht mag, zugeben, dass diese Grobeinteilung ziemlich gut funktioniert.

    Dass Rechtsliberale, die bislang im liberalen Spektrum Diskurshegemonie eingenommen haben, nichts von einem reanimierten Linksliberalismus halten: Das ist doch höchst verständlich!

  29. 18.05.2006 | 11:55

    [wirklich in Eile]: Das PPS ist der Appendix zu zwei Beiträgen über OpenSource, OpenSource-Nutzer und Patente. Wie man an dieser und vielen anderen Diskussionen sehen kann, ist OpenSource vornehmlich eine wirtschaftliche Frage (und allenfalls noch ein gesellschaftlich interessantes Problem), keineswegs aber eine Frage von Links oder Rechts. Das hat man übrigens damals auch an der Diskussion über Linux im Bundestag gesehen! Logisch und verständlich wäre folgende Vermutung gewesen: “Wirtschaftsliberale” müssten eigentlich auf proprietäre Software setzen.

    Addiere doch mal all die Zeit, die Du für das Tischlern und Füllen von Links/Rechts-Schubladen im Zusammenhang mit Liberalen verwendet hast … ist es nicht schade darum?

    [bis heute abend auf on-topic-Beiträge hoffend]: Stefan

  30. 18.05.2006 | 14:07

    @Dean

    Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass du dich ganz und gar in der linken Tradition bewegst, lieferst du ihn damit, dass du ein typisch linkes Schema zur Einordnung von Meinungen benutzt, nämlich eine Art Abklatsch des Klassendenkens, noch dazu in einer Vulgärvariante, die jeden modernen Kommunisten zum Gähnen bringen müsste.

    Als “Anhänger” echten Unternehmergeistes begrüße ich es natürlich, wenn jemand seinen Kampfauftrag so eifrig erfüllt. Vielleicht findest du dafür ja auch Abnehmer. Hier jedoch eher nicht – auf so einen Quatsch noch ernsthaft einzugehen, fehlt z.B. auch mir wirklich jede Lust. Die Effizienz deines Marketings ließe sich vielleicht deutlich erhöhen, wenn du zielgruppenspezifisch vorgehst, also in Blogs postest, die mit derartiger Linkspartei-Rhetorik noch was anfangen können.

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