11. Mai 2006
arbeiten & essen
SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering hat nach einem Artikel [1] in der ZEIT in einer Beratung der SPD-Fraktion folgenden Satz fallen lassen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das ist die sozialdemokratische Version eines bekannten Bibelzitats:
Im zweiten Brief des Paulus an die Thessalonicher [2] steht: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Im Zusammenhang (nach der Lutherbibel):
Denn wir haben nicht unordentlich bei euch gelebt, haben auch nicht umsonst Brot von jemandem genommen, sondern mit Mühe und Plage haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht, daß wir dazu nicht das Recht hätten, sondern wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit ihr uns nachfolgt. Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.
August Bebel, einer der Vorgänger Franz Münteferings, schrieb: Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Entweder lag ihm damals eine andere Übersetzung vor oder er hat es anders gemeint — vermutlich passte das Zitat in dieser Form besser in den Klassenkampf.
Nun bekommt Franz Müntefering selbstverständlich Prügel für diesen Satz. Zuallererst von Leuten, die es den Politikern schon immer mal wieder geben wollten.
Von den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens, die nicht wirklich vorrechnen können, woher dieses Grundeinkommen eigentlich kommen soll (Konsumsteuern sind in einer Krise genauso unsicher wie Steuern auf Arbeitseinkommen).
Von den Künstlern, die sich hier völlig zu Unrecht getroffen fühlen, weil gute Kunst immer mit harter Arbeit verbunden ist.
Von Leuten, die den Staat zwar ablehnen und vom sozialistischen Anarchismus träumen, aber “Staatsknete” doch immer ganz gern genommen haben …
Von den Beschützern der Armen und Entrechteten, die übersehen, dass da in der Bibel nicht steht “Wer nicht arbeiten kann“, sondern “Wer nicht arbeiten will” (was meiner Meinung nach ein großer Unterschied ist).
Von den Ganz-schlimm-Betroffenen, die herausgefunden haben, dass auch dieses Zitat im Laufe der Geschichte schon missbraucht wurde und Müntefering nun eine “rechte” Einstellung attestieren.
Aber wenn all diese Leute aufschreien, denke ich, dass in Münteferings Bemerkung doch ein klein wenig Wahrheit stecken muss. Vielleicht hat er an seine frustrierenden Bemühungen gedacht, wenigstens 20% der Saisonkräfte in der Ernte wieder aus Deutschland zu rekrutieren. Ernten hat auch heute noch mit Essen zu tun. Vielleicht ist es ihm auch herausgerutscht, weil er vorher die aktuellen Zahlen über die bedrückenden Verluste dauerhafter Arbeitsplätze gelesen hat.
Oder er hat sich wirklich über Ottmar Schreiner geärgert, der — seit ich ihn das erste Mal bewusst wahrgenommen habe — noch nie einen Satz von sich gegeben hat, der aus wirtschaftlicher Sicht Hand und Fuß gehabt hätte. In diesem Fall könnte ich ihn wirklich verstehen
Zuletzt noch ein Satz, der wieder etwa zweitausend Jahre alt ist und ebenfalls von Paulus stammt:
Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.
Ich denke, beide Zitate haben ihre Berechtigung, wenn man lange genug darüber nachdenkt. Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion.
[1] Artikel in der ZEIT
[2] Der zweite Paulusbrief an die Thessalonicher
Verfasst von stefanolix um 22:08 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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