Déjà vu

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Als Salman Rushdie seine “Satanischen Verse” herausbrachte, erließ der damalige iranische Revolutionsführer Khomeini eine Fatwa, in der Rushdie wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde. Er forderte weltweit Muslime auf, dieses Urteil zu vollstrecken und, da er sich des weltweiten Glaubenseifers wohl nicht so sicher war, lobte ein Kopfgeld von drei Millionen Dollar aus (das nach seinem Tod noch mehrfach erhöht wurde). Diese Ausgabe ist bis jetzt der iranischen Staatskasse erspart geblieben, weil Rushdie danach jahrelang untertauchte, bis endlich nach zehn Jahren Khomeinis Nachfolger Chamenei die Verfolgung für beendet erklärte. Rushdies japanischer Übersetzer (ermordet) und norwegischer Verleger (schwer verletzt) hatten nicht ganz so viel Glück. Die deutschen Verleger gründeten damals, weil jeder allein Angst hatte, sich zu exponieren, extra einen eigenen Verlag, um den Roman in deutscher Sprache herauszubringen.

Jjetzt hat der angeblich stets gut informierte, aus dem Libanon stammende Journalist Joseph Farah auf seiner (kostenpflichtigen) Website “G2 Bulletin” von Geheimdienstinformationen berichtet, nach denen zwölf (Symbolik!) “junge Männer mit iranischen und afghanischen Pässen” nach Europa unterwegs seien, um die dänischen Karikaturisten zu ermorden, von denen die legendären “Jyllands Posten”-Zeichnungen stammen. Ein Kopfgeld wurde auch schon versprochen, u.a. eine Million Dollar von der “Vereinigung der Goldschmiede in der pakistanischen North West Frontier Provinz”.

Pakistan ist ein gutes Stichwort: In deutscher Haft ist der Pakistaner Amer Cheema erhängt aufgefunden worden. Er befand sich dort, weil er versucht hatte, mit einem Messer auf den Chefredakteur der “Welt” loszugehen, dessen Zeitung ebenfalls die Karikaturen veröffentlicht hatte. Nun ist es ja eine gesunde Reaktion, einen solchen Tod misstrauisch zu betrachten und eine genaue Untersuchung zu fordern, und dass Sympathisanten hier Mord und Folter wittern, ist uns mindestens seit der RAF bekannt. Aber die Proteste, zu denen sich daraufhin ein paar Hundert “Studenten einer Schule für moslemische Geistliche” in Pakistan veranlasst sahen, griffen interessanterweise weit weniger die Umstände des Todes auf als vielmehr den bedauerlichen Umstand, dass Cheema sein Vorhaben nicht erfolgreich in die Tat umsetzen konnte.

Auch wenn die Sau in den Medien und Blogs inzwischen zu Tode geritten wurde: Die Meinungsfreiheit hat mittlerweile “no go areas”. Den zahnlosen Protest von organisierten Katholiken gegen die Ausstrahlung eines zweitklassigen Cartoons kann ein Amtsgericht abschmettern, aber ein Widerstand, der ohne Skrupel zur Gewalt greift, hat dafür gesorgt, dass Religions”kritiker” in der Öffentlichkeit ihren Spott wohl zukünftig endgültig aufs Christentum beschränken werden.

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3 Kommentare zu “Déjà vu”

  1. 7.05.2006 | 14:45

    Möchtest du wirklich Gleiches mit Gleichem vergelten? Wenn wir schon über Vergleich zwischen Religionen reden, dann können wir doch zumindest so tun, als hätten wir die christliche Botschaft verstanden. Von der anderen wissen wir ja nicht genug. Außer natürlich, dass wir aufgrund des Verhaltens ihrer radikalsten Protagonisten vielfach nur zu gern bereit sind, mit Feuer und Schwert “zurückzuschlagen”.

    Es ist von großem Übel, was geschieht. Was kann man dem entgegensetzen, was man nicht einmal in der Lage ist zu verstehen? Das Klima, auch in Deutschland, verschärft sich unter diesen Voraussetzungen weiter. Wünschen wir uns lieber nicht, dass es die Christen mit ähnlicher Radikalität und Rücksichtslosigkeit den Islamisten nachmachen. Außerdem hatten wir da ja schon.

  2. 7.05.2006 | 15:13

    Ich weiß nicht, wo du aus dem Beitrag den Wunsch herausliest, auch Christen sollten zu gewaltsamen Mitteln greifen. Das können sie m.E. gar nicht, wenn sie ihren Glauben ernst nehmen.

    Im Gegenteil: Ich finde es alarmierend, dass es den Gewalttätern und Killerkommandos gelungen ist, ein gesetzloses Tabu zu errichten.

  3. 8.05.2006 | 13:35

    In diesem Beitrag kommt heraus, was oft vergessen geht: $Eine ganze Branchen wurde bedroht. Die Fatwa gegen Rushdie und alle an Herstellung, Vertrieb und Verbreitung Beteiligten hat mich sehr geprägt. Es war gleich am Anfang meiner Lehrzeit als Buchhändlerin und es war wirklich schockierend zu sehen, wie das unsere Gesellschaft überrascht und überfordert hat. Ich denke, hier ist der wunde Punkt. Wir sind verdammt schlecht vorbereitet. Das müssen wir ändern. Hier kann die Liberalismus-Diskussion über die Partei-, Religions- und manchmal gar Sympathiegrenzen einiges dazu beitragen.

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