3. Mai 2006
Frau Nahles drischt Phrasen – ich dresche zurück
Da ich vermute, dass mein Kommentar nicht lange online bleiben wird, dokumentiere ich ihn hier einfach mal.
Zu diesen Ausführungen der Frau Nahles habe ich folgendes angemerkt:
————————————————————————
Und jetzt auch mal ein wenig Sprachkritik, weil Ihr Beitrag ein gutes Beispiel politischer Hohlphrasendrescherei ist:
“In den letzten Jahren geriet der Begriff der Solidarität in die Defensive.”
Wie gerät ein Begriff in die Defensive?
“Insbesondere die auf dem Solidarprinzip fußenden Sozialsysteme zur solidarischen Absicherungen der großen Lebensrisiken wie Krankheit, Unfall, Alter und Arbeitslosigkeit wurden gebrandmarkt als Zwangssysteme…”
Ist die Mitgliedschaft in den besagten Systemen freiwillig? Oder erzwungen?
Wie also passt das Wort “brandmarken”?
“Ich persönlich halte diese auf dem gesamten europäischen Kontinent etablierten Sozialsysteme für eine historische Errungenschaft erster Ordnung.”
Was sind Ihrer Ansicht nach historische Errungenschaften zweiter Ordnung?
“Dass sie in die Krise geraten sind wird mit Schlagworten wie Globalisierung und Demografie, Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse usw. begründet.”
Sind Globalisierung, Demografie und der Rückgang sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse (der Rückgang der ANZAHL solcher Arbeitsverhältnisse ist wohl gemeint) “Schlagworte” oder real beobachtbare Phänomene?
“Ich zweifle.”
Woran? An dem, was Sie “Schlagworte” nennen? Oder an den Phänomenen? Zweifeln Sie daran, dass Globalisierung oder demografische Entwicklung stattfindet? Zweifeln Sie am Rückgang der Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse?
“Ich weiß, es sind Faktoren der Veränderung, die so beschrieben werden.”
Werden Faktoren beschrieben? Oder die Veränderung? Klang der Satz nur besser, wenn man das wissenschaftlich klingende Wort “Faktoren” einfügt?
“Aber ob wir Solidarität leben und auch gesellschaftlich verankern ist eine Grundfrage, die auch im Wandel eingelöst werden muss.”
Wie wird eine Grundfrage “eingelöst”? Werden Fragen (zu denen Grundfragen wohl gehören) nicht eher “gestellt” oder “beantwortet”?
“Freiwillige Solidarität ist nötig, um die institutionalisierten Formen von Solidarsystemen auch für die nächsten Jahrzehnte zu sichern.”
Mal für den Laien übersetzt heißt das wohl:
Freiwilligkeit ist nötig, um Zwangssysteme zu erhalten. Sich freiwillig zwingen lassen, weil es nur freiwillig nicht geht.
Oder meinten Sie etwas anderes?
“Und genau diese Freiwilligkeit setzt etwas voraus: „Wir brauchen mehr als Bilanzen und Sharholder-Value, mehr las Gewinn- und Verlustrechnungen. Das nennen Christen Nächstenliebe. Das nennt die Arbeiterbewegung Solidarität. Das nennt Martin Luther King Compassion. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Begriffe. Und ich nenne das den Mörtel, der das Haus zusammenhält, damit es den Sturm übersteht. Und dabei ist bei uns viel zu wenig vorhanden.“ Ich zitiere Johannes Rau.”
Sehr schön. Aber was hat das mit dem Zwang zu tun, sich auf eine bestimmte Art zu versichern?
Erinnert das nicht ein wenig an Orwells Neusprech? Freiwilligkeit ist Zwang. Zwang ist Freiwilligkeit.
“Was ich meine, ist das Grundprinzip des menschlichen Miteinanders. Gegenseitige Hilfsbereitschaft ohne einen unmittelbaren individuellen Nutzen garantiert zu bekommen. Die Perspektive des anderen Einnehmen können, sich verantwortlich fühlen über das hinaus, was den engeren eigenen Lebensbereich umfasst. Etwas tun.”
Schön. Dann predigen Sie Nächstenliebe. Das klappt ja ganz gut. Und lassen Sie die Finger von ökonomischen Fragen wie der der Krankheits- und Sozialversicherung.
“Für die Grundsatzprogrammdebatte heißt das: Freiwilligkeit setzt institutionelle Solidarität voraus – kann sie aber in einer modernen Gesellschaft nicht ersetzen. Sie muss organisiert werden. Freiwillige und institutionalisierte Solidarität bedingen einander.”
Wenn ich “institutionelle Solidarität” mal mit Zwangsversicherung übersetze, sind wir wieder bei Orwell: Freiwilligkeit setzt Zwang voraus.
Fragt sich nur, was die Christen früher gemacht haben. Wenn institutioneller Zwang zur Solidarität (was für eine begriffliche Absurdität!) Voraussetzung für freiwillige Solidarität sein soll (was Sie in diesem Satz behaupten) – wie kann es vor Bismarck je freiwillige Solidarität gegeben haben?
Schön aber, dass Sie zum Schluss Ihren wahren, Ihren bürokratischen Geist offenbaren: Sie sind angetreten, die besten Eigenschaften der Menschen, nämlich seine Solidarität (die per definitionem nur freiwillig sein kann, schauen Sie in den Duden) zu “organisieren”, zu verwalten, zu planen. Viel Spaß dabei! Dass Ihnen der Erfolg fehlen wird, ist leider jetzt schon sicher.
Verfasst von Boche um 16:04 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
8 Kommentare