28. April 2006
Viermal lächeln über die Schweiz
Ein Weblog im Wortsinn soll ja eigentlich so eine Art Protokoll der persönlichen Wege durchs Internet sein. Hier also mein “Weblog” für heute abend:
Zurückgekehrt von einer Sitzung der Arbeitsgruppe Wirtschaft der Düsseldorfer SPD (ja, die gibt es tatsächlich!), in der ich erfahren habe, dass die Düsseldorfer Kaufkraftkennziffer im Jahr 2003 126,6 betrug, wollte ich meine Kenntnisse über Kennziffern im allgemeinen und über die Kaufkraftkennziffer im besonderen auffrischen bzw. vertiefen. Als Ausgangspunkt wähle ich in solchen Fällen meistens die Wikipedia (ja, weiß ich auch, dass das eigentlich unverantwortlich ist, aber es ist ja nur mein Startpunkt).
Auf der Hauptseite der deutschsprachigen Wikipedia stieß ich dann auf die Meldung:
In der Schweiz tritt Joseph Deiss nach sieben Jahren aus dem Bundesrat zurück.
Da ich mich ohnedies mal näher mit dem doch sehr stark von Deutschland abweichenden politischen System der Schweiz beschäftigen wollte und nach Feierabend wikipedianischen Ausschweifungen wohl erlaubt sind, habe ich mich also zu dem o.a. Link aufgemacht. Dort steht über Herrn Prof. Deiss:
Joseph Deiss galt als farbloser, aber auch als sachkundiger und ausgleichender Bundesrat.
Da musste ich zum ersten Mal lächeln. Duh!, wie der Ami sagt. Das ist so ziemlich das, was ich mit der schweizerischen Politik assoziiere – und was sie der deutschen m.E. voraus hat.
Weiter ging’s über die Wikipedia-Seite über den Bundesrat zur – wie es bei Wikipedia heißt – “Offiziellen Homepage der Schweizer Regierung“, auf der ein Foto zu sehen ist, auf dem sich alle sechs Bundesräte sowie die beiden Bundesrätinnen momentan einzige Bundesrätin und die Bundeskanzlerin vor rotem Hintergrund um das Schweizerkreuz scharen. Da musste ich zum zweiten Mal lächeln, zumal vier der Beteiligten sich sichtlich unwohl fühlen und wohl ein normales Gruppenfoto präferiert hätten; insbesondere der einzige hierzulande bekannte Schweizer Politiker, der Vorsteher des “Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements” schaut, als ob er dringend an seinen Schreibtisch zurück wolle.
Ein Land, dass solche Fotos auf der offiziellen Internetpräsenz hat, braucht keine “Du bist die Schweiz“-Kampagne (danke, apollon!) – oder vielleicht doch?
(Auf der Startseite der Bundesregierung habe ich als einziges Mitglied ebendieser nur die Bundeskanzlerin gefunden – einmal allein und einmal inmitten einer Gruppe russlanddeutscher Trachtenkinder – und bei der englischsprachigen Version der Internetpräsenz frage ich mich ernsthaft, welches Land da eigentlich präsentiert wird).
Weiter zur offiziellen Seite des momentanen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger – und schon wieder musste ich lächeln. Nicht nur, weil in Deutschland gut gelaunte Sozialdemokraten schwer zu finden sind (warum auch?), sondern weil ich mir kurz ausgemalt habe, was im Leserforum der Rheinischen Post, im Forum von FOCUS oder SpOn oder an einem der anderen postmodernen Stammtische los wäre, wenn sich deutsche Politiker so auf einem Foto präsentieren würden. “Will dieser Diäten-Abzocker uns verarschen???” wäre wohl noch das mindeste. (Auf der Seite seines Departements präsentiert sich Herr Leuenberger dann auch ganz anders).
Zum vierten und letzten Mal musste ich lächeln, als ich las, dass der Bundespräsident in Rohrbach “heimatberechtigt” ist. Heimatberechtigt! Was für ein geniales Wort. Schwyzerdütsch finde ich ja schon klasse, aber Amtsschweizerisch lässt mich regelmäßig in Begeisterung verfallen. In Deutschland ist man “wohnhaft” gibt man seinen Geburtsort an, in der Schweiz “heimatberechtigt” seine “Heimatberechtigung”. Tu felix Helvetia.
[Aufgrund der Kommentare von R.A. und Tanja ediert am 30. April 2006]
Verfasst von Marian Wirth um 01:57 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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