Kultur, das mir unbekannte Wesen

Man wird es mir hoffentlich nachsehen, wenn ich mich jetzt auf ein Feld begebe, wo ich sicheren Grund unter den Füßen nicht mehr spüre. Ich kann der neu-philosophischen Belesenheit meines netten Linken von nebenan nichts entgegensetzen – bei Nietzsche und Kierkegaard hat die Philosophie für mich aufgehört, Kant, das muss ich zu meiner liberalen Schande gestehen, hat mich nur gelangweilt.

Aber das gehört doch zum Bloggen dazu – das sich Vortasten, das Wagen, das Fragen und das vorläufige Antworten Finden.

Wenn wir über Einbürgerung und Bildung reden, landen wir einfach unzweifelhaft bei der Kultur. MomoRules hat sich von diesem Begriff schon ein Bild gemacht, dessen 1. Teil wir bereits kennen. Heute las ich in der F.A.Z. einen leider online nur für Abonnenten verfügbaren Text von der FDP-Frontfrau mit dem langen Namen, der praktisch jeden anderen Patriotismus als den Verfassungspatriotismus günstigstenfalls (wohl mit Rücksicht auf den potenziellen Koalitionspartner) in die ewiggestrige, schlimmstenfalls in die nationalsozialistische Ecke rückt. Ich muss auch zugeben, nach der Lektüre von MomoRules’ Beitrag nicht viel schlauer zu sein als vorher. Sei es, weil ich den Text nicht begriffen habe, sei es, weil er in meinen Augen wenig Konkretes, Fassbares enthält.

Ich will das alles mal in vielleicht höchst unzulässigerweise vermischen, aber dafür hat unser Blog ja kritische Leser (darunter zuvörderst die werten Koautoren), die mir meine Flausen schon austreiben werden.

Also geht es um die Frage; In was sollen sich Ausländer eigentlich integrieren? Und wie weit soll das gehen?

Nun, ich bin der festen Überzeugung, dass man in Deutschland auch dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn man weder Schnitzel noch Currywurst zu seinen bevorzugten Speisen zählt. Ein Problem aber bekommen wir, wenn der zu Integrierende beide Mahlzeiten als “unrein” betrachtet und den sowieso dem frühen Herzinfakt Geweihten noch seine geballte Verachtung hinterherschickt. Niemand muss das Zeugs mögen, aber auch niemand soll ein Problem damit haben, dass seine Nachbarn es tun. In letzteren Fällen “Integration” zu rufen zeugt eher von einer Portion Wirklichkeitsfremde.

Ich meine, dass jede Verfassung, so gut sie auch sein will, zwingenderweise auf einem Konsens beruhen muss, den sie nicht herstellen kann. Ein schlauerer Mensch als ich hat das schon mal ähnlich formuliert (Mahrenholz?) – ich bin für Literaturtipps dankbar. Eine Verfassung kann nicht alles regeln, was das Zusammenleben von Menschen betrifft. Eine Integration hingegen muss das Zusammenleben von Menschen ermöglichen. Also scheint mir das Zusammenbringen dieser zwei Begriffe zwar als notwendige, nicht aber als hinreichende Voraussetzung, Einwanderungsprobleme zu lösen. Hier kommt dann doch diese ominöse “Kultur” ins Spiel. Der Verdacht, hier werde unter einem Begriff alles Mögliche zusammengefasst, ist nicht von der Hand zu weisen, deutet an sich aber auch nicht auf ein Verbrechen hin. Zur Kultur gehört ganz sicher die Sprache, und zwar in einem ganz und gar französischen Sinn, um mal allen Vokabel-Fetischisten gleich das seichte Wasser abzugraben. Zur Kultur gehört aber auch ein gemeinsamer Schatz an Erinnerungen und Verhaltensweisen, der zunächst von den Eltern, dann von der Schule (früher kam noch die Kirche dazu) an die Kinder übermittelt wurde und der sie sich als Gemeinschaft begreifen lässt. Zum Beispiel “Essenskultur”. Ich weiß nicht, wie ernst MomoRules den Abschnitt nimmt, den er diesem Thema widmet, aber natürlich ist die Art zu Essen auch Teil der Kultur. Dazu muss ich nicht mit despektierlichen Begriffen wie “Zivilisation” oder “Wilde” greifen, dazu reicht die Erkenntnis, dass die Ansichten von dem, was “rein” und was “unrein” ist, weltweit nicht unter einen Hut zu bringen sind.

Ich will mich auch nicht lange darüber streiten, wieviel “Deutsches” im “Deutschsein” ist. Rein genetisch sind die Deutschen jenseits von allen Rasseabgrenzungen, so man sie denn überhaupt gelten lassen will – “deutsch” ist ein Adjektiv der Kultur und nicht des Blutes. Und diese “deutsche Kultur” hat nie isoliert existiert, sondern war immer – zumindest in ihren guten Tagen – Teil der europäischen Kultur. So selbstverständlich es für Deutsche sein sollte, Shakespeare als einmaligen Künstler anzuerkennen, der ihnen etwas zu sagen hat, so gilt das umgekehrt auch für Goethe im angelsächsischen Kulturkreis. Ich habe in meinen bescheidenen Berührungen mit der Literatur, die sich eher im französischen Sprachraum abgespielt haben, nie eine Trennung zu meiner Kultur gespürt. Kurz – die französische Seele eines Molière, Camus oder Sartre fand sich immer auch in vielen Deutschen wieder (in Typen wie mir eher die eines Raymond Aron).

In einem stimme ich zu: Wenn die Deutschen selbst nicht wissen, was “deutsch” sein könnte, oder wenn sie es gar unabhängig von diesem Wissen ablehnen, “deutsch” zu sein, dann gibt es keinen Weg der Integration, dann müssen die Deutschen froh und dankbar sein, wenn irgendetwas anderes sie integriert. Trotz allem: Ein “Verfassungspatriotismus” allein hätte diese Kraft nicht. Zwar gilt vielleicht “Patria est, ubicumque est bene”, aber wer in dieser Welt würde “bene” auf die Wahrung der Menschenrechte reduzieren? Womit nicht gesagt ist, dass es nicht viele Menschen gibt, die damit erstmal völlig zufrieden wären – aber Notsituationen wollte ich jetzt nicht zum Maßstab machen.

Es gibt einen m.E. guten Test, dem “Deutschsein” nahe zu kommen: längere Zeit im Ausland leben. Erst die Vielfalt, die es Gott sei Dank gibt, trägt wirklich zur Trennschärfe bei. Wobei “Trennung” nicht als “Abwehr” misszuverstehen ist, sondern als Unterschied, den es zu erkennen und mit dem es umzugehen gilt. Da gibt es dann größere und weniger große Unterschiede, und der Abstand macht die Musik. Wenn das Alltagsverhalten, das ich eingeübt habe, mit dem Alltagsverhalten eines anderen grob kollidiert, und wenn diese Unterschiede auf grundsätzliche Regeln zurückgeführt werden können, dann haben wir einen “clash of civilizations”. Als nächste Frage ist die, wie man jeweils mit diesen Unterschieden umzugehen gewohnt ist, wiederum eine kulturelle.

Kein Einwanderer soll für sich unsere Kultur übernehmen. Aber ich finde, es wäre angemessen, wenn er die Kultur, die sich ihm als deutsche präsentiert (und wozu nicht nur, aber eben auch an prominenter Stelle, das Grundgesetz gehört), respektiert und sein Verhalten darauf anpasst, statt den Versuch zu unternehmen, die eigene Kultur an die Stelle der anderen zu setzen.

Könne wir da irgendwie weitermachen?

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3 Kommentare zu “Kultur, das mir unbekannte Wesen”

  1. 11.04.2006 | 1:08

    Lange über den Post (und zum ersten Mal richtig über das Thema)nachgedacht:

    >So selbstverständlich es für Deutsche sein >sollte, Shakespeare als einmaligen Künstler >anzuerkennen, der ihnen etwas zu sagen hat, so >gilt das umgekehrt auch für Goethe im >angelsächsischen Kulturkreis.

    Ich halte diesen Ansatz für sehr gut.
    Denn gerade weil die Engländer (Franzosen, Italiener…) ihre Kulturen gegenseitig seit Jahrhunderten sehr gut kennen und dazu noch in der EU gemeinsam organisiert sind, ist die Integration relativ einfach.
    Wenn ich jetzt an Russland denke denke ich an Lenin, UdSSR…,
    Ich denke wahrscheinlich denke ich nicht an Schostakowitsch, Tolstoi und Tschaikowski..
    und bei der Türkei ist das noch Schlimmer…

    Und das ist m. E. das Problem bei der Integration, zusätzlich zu der nicht-vorhanden Sprachkenntnissen.

  2. 11.04.2006 | 22:02

    Rätselwort Kultur, Teil 2…

    Ja, Rayson, da kann man weitermachen! Eigentlich sollte im zweiten Teil meines Gegrübels über Kultur die Relation von Gesellschaft und KULTUR thematisiert werden. Angesichts derAntwort von Rayson schalte ich den Teil über “Wissen” und “Praktiken…

  3. 16.04.2006 | 23:24

    Tja, was soll es sein, dieses vereinigende Band der Deutschen? Die Fahne ist es jedenfalls nicht, die ist zu dünn, außerdem lässt sich damit allzuschnell jemand erwürgen, wie unsere Geschichte gezeigt hat.

    Geschichte? Ich denke, dass gemeinsame Geschichte ein durchaus relevanter Teil von ist, eine “Kultur”, ein Spirit gemeinsamer Erfahrungen. Wenn ich mich mit Deutschtürken unterhalte (die sich teils sogar sehr vehement als Deutsche bzw. Deutschtürken sehen), dann nehmen diese verblüffend häufig Bezug auf eine Kultur und eine Verpflichtung zum Humanismus.

    Es wird darauf Bezug genommen, wenn Deutschland gerade verflucht wird (z.B. aufgrund der objektiv teils schwierigen Lage von Migranten), es wird darauf Bezug genommen, wenn sich bei diesen das Gefühl von “mein Deutschland” breit macht, und tatsächlich, ich habe das häufiger gesehen, als ich zuvor geahnt habe.

    Der Geist der gemeinsamen Geschichte scheint nicht sehr einfach zu vermitteln zu sein, meint man, und meine ich auch. Wahrscheinlich ist das so, vielleicht ist das auch garnicht so wichtig. Nun, ich habe vor ein paar Tagen einen Marktleiter ausländischer Herkunft erlebt, der mit einem überaus zackigen, unverschämten Ton seine Mitarbeiter und Kunden scheuchte. Als ich, eigentlich völlig sinnloser Weise, ihm daraufhin unterjubelte, dass sein Ton der Ton reinsten Wilheminismus sei, und überaus deutsch, einigten wir uns nach kurzer Diskussion auf “Pickelhaube” (sein Vorschlag) und lachten gemeinsam. Der hattte doch tatsächlich eine Idee von Wilheminismus.

    Assimilation ist etwas sehr Eigentümliches, und mich wundert inzwischen manchmal sogar, wie über-assimiliert einige Migranten auf mich wirken. Aber, was ist es nun, das einigende Band?

    Wie Rayson richtig sagt, “Verfassungspatriotismus” ist zu abstrakt, nicht wirklich lebendig, und falls doch, dann nur für eine Minderheit. Aber wenn z.B. Sibel Kekilli voller Begeisterung von Tucholsy-Texten (und zwar ganz in dem Ton: “der ist meiner, das ist einer wie ich”) erzählt oder man sich über Erfahrungen im Linientreu austauscht, dann wird der abstrakte Begriff “Kultur” m.E. fassbarer.

    Nationalkultur im Sinne eines gemeinsamen Kulturerlebens und einer gemeinsamen kulturellen Erfahrung, auch sowas gehört dazu, und verordnen kann man das nicht. Eher ist es so, dass es sich einfach so ergibt.

    Wenn bestimmten Polittrotteln (sorry!) bei der einigenden Kultur immer nur Bach, Beethoven oder Mozart einfällt, dann wird z.B. verkannt, dass für jüngere Menschen mutmaßlich eine gemeinsame Rezeption alternativer Musik oder sogar von Techno in der Praxis mehr Bedeutung hat. Also, was ist es nun?

    Sitten und Gebräuche. Habitus. Zum Beispiel die berühmte deutsche Pünktlichkeit, und anderes mehr. Genau davon berichten wiederum ebenjene, über deren Integrierung man sich hier und da gelegentlich den Kopf so schwer macht; z.B. ein Palästinenser, wenn er von seinem Urlaub im arabischen Ausland berichtet. Dort ist er nämlich, und zwar ohne jegliche Widerspruchsmöglichkeit “der Deutsche”. Nicht: “der aus Deutschland”. Unter anderem wegen seines Habitus, seines Auftretens und mehr.

    Hmm. Ich würde insgesamt also von etwas schwer Greifbaren und doch Gemeinsamen ausgehen, und dafür das ungebräuchliche Wort “National-Spirit” bevorzugen. Ganz wichtig, jedenfalls, wenn wir über Integration sprechen, ist nach meinen Erfahrungen diese Aussage:

    Du bist Teil dieser Gesellschaft.

    Damit, vor allem, wenn man es mit Leben füllt, hat man m.E. mindestens 66% der gesamten Wegstecke geleistet, jedenfalls in mittelfristiger Perspektive. Sogenannte Parallelgesellschaften (die wir im Bereich von sich abkapselnden Wohlhabenden und Unterschichtler übrigens auch haben) wird man damit nicht völlig vermeiden können (Frage: muss man das?), und doch hilft es allgemein, wenn die zu Integrierenden die Hand gereicht bekommen und wissen:

    Du bist Teil dieser Gesellschaft.

    Oops! Am i liberal?

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