SPONblog: Organhandel in China

Manchmal frage ich mich, warum ich noch SPIEGEL ONLINE lese; wenn ich dann einen Artikel wie diesen hier lese, weiß ich es wieder: um neue Beweise für Qualitätsjournalismus in deutschen Online-Publikationen zu erhalten, nämlich.

Ein gewisser Roman Heflik hat versucht, einen Artikel aus dem Independent so umzugestalten, dass es gerade noch mit journalistischen Grundregeln vereinbar ist, ihn unter eigenem Namen und ohne Link zur Originalquelle zu veröffentlichen. Das ist ihm mittels umfänglicher, den Sinn des Originals zum Teil deutlich verzerrender Kürzungen des Originals zumindest teilweise gelungen.

In dem Artikel Japan’s rich buy organs from executed Chinese prisoners schildern Clifford Coonan aus Peking und David McNeill aus Tokio das Schicksal eines 62-jährigen japanischen Geschäftsmannes, der sich nach einem Nierenversagen dazu entschlossen hatte, durch den Kauf einer Niere aus China seine Wartezeit auf eine Organspende zu verkürzen. Im weiteren Verlauf geht der Artikel auf Gerüchte ein, es könne sich dabei um die Niere eines Hingerichteten gehandelt haben und dieser Fall könne mehr als ein Einzelfall sein. Diese Gerüchte sind nicht neu, amnesty international und andere Menschenrechtsorganisationen haben Vorwürfe dieser Art schon mehrfach erhoben.

Im Independent heißt es dazu:

Hundreds of well-off Japanese and other nationals are turning to China’s burgeoning human organ transplant industry, paying tens of thousands of pounds for livers and kidneys, which in some cases have been harvested from executed prisoners and sold to hospitals.

(…)

Beijing does not reveal how many people it executes, but analysts estimate as many as 8,000 people are killed each year. Reports of Chinese authorities removing organs from executed prisoners have been circulating since the mid-1980s, when the development of a drug called Cyclosoporine-A made transplants a newly viable option for patients.

(…)

There is little attempt to conceal the origins of the organs, the bulk of which are taken from executed prisoners.

Im SpOn liest sich das so:

Es ist ein blutiges Geschäft: In China floriert einem Zeitungsbericht zufolge das Geschäft mit den Organen hingerichteter Gefangener.

(…)

Woher die Kliniken ihre äußerst billigen Transplantate beziehen, ist oft undurchsichtig. (…) Doch nach Informationen des “Independent” werden die meisten Organe Hingerichteten entnommen und preisgünstig an die Hospitäler weiterverkauft. Diese Quelle scheint gerade in China schier unerschöpflich: Schätzungen zufolge werden jedes Jahr rund 8000 Menschen hingerichtet, so viele wie nirgendwo sonst.

Meiner Ansicht nach verschiebt die SpOn-Wiedergabe – durch die reißerische Wortwahl, durch die Bebilderung und durch massive Auslassungen den Schwerpunkt des Artikels – vom illegalen Organhandel hin zum Umstand, dass ein Großteil der Organe von Hingerichteten stammt.

Der Independent-Artikel widmet sich dann Organspenden im allgemeinen und nach Maßnahmen gegen Organhandel in China und Japan im besonderen.

Über das Vorgehen der japanischen Behörden sagt der Independent-Artikel folgendes:

Alarmed by the growing traffic, the Japanese health ministry has begun a joint research project with transport authorities in a bid to gain some control on the trade. But the government is likely to find it difficult to stop desperate people who have money from making the short plane hop to China.

Über die Einstellung der chinesischen Regierung erfährt man:

The Chinese government insists it is trying to crack down on the market in illegal organs. According to regulations, even in the case of a donation by a close living relative, both patients and donors must provide legal proof of the relationship by blood or marriage or submit to a DNA test.

(…)

The sale of organs for transplants is illegal in China, but the black market is flourishing.

Nachdem diese These anhand einiger Beispiele belegt wird, geht es weiter:

However, China is a huge country and, as the proverb goes: the mountains are high and the emperor is far away. The legal ban may have an impact on the illegal organ trade in major public hospitals but the private clinics and small hospitals, which are run for profit, are extremely difficult to regulate, leaving room for profitable, illegal organ trading.

(Hervorhebung hinzugefügt)

In dem SpOn-Artikel wird dagegen lediglich darauf hingewiesen, dass in China Organhandel verboten ist und Organspenden eine nahe Verwandtschaft voraus setzen. Die oben zitierten Stellen werden so zusammengefasst:

Die Regierungen beider Länder zeigen sich bislang nicht im Stande, dem wachsenden Organtourismus und -handel Einhalt zu gebieten.

Der Independent-Artikel geht schliesslich auch auf die kulturellen Hintergründe des Organspendens ein, nachdem zu Beginn darauf verwiesen wurde, dass es in Japan seit 1997 lediglich 40 Organspenden gegeben habe:

Generally, there is a lack of awareness in China about transplants. As in Japan, a cultural taboo, strongly related to Buddhist beliefs, has traditionally been associated with donating organs. The procedure is seen to make the body imperfect and, in some ways, it means the donor is being unfilial, even if the donation is to a family member.

(Hervorhebungen hinzugefügt)

Im SpOn lautet die entsprechende Passage:

Nach Angaben des “Indepent” hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Nieren- oder Leberkranke ihre Rettung vor dem Tod in China finden können. Im benachbarten Japan finden sich dagegen kaum Spendewillige, weil eine Organentnahme nach allgemeiner Überzeugung dem Körper seine Perfektion nehme.

(Hervorhebung hinzugefügt)

Während also der Independent betont, dass sowohl in China als auch in Japan Organspenden ein Tabu sind, was gleichzeitig auch erklärbar macht, warum dort der illegale Organhandel schwer zu bekämpfen ist, entsteht durch die SpOn-Übersetzung der Eindruck, dass Japan religiös sei, während in China alles nach dem “anything goes” – Prinzip läuft. Und das stimmt so einfach nicht. Ich habe in China viele Leute getroffen, die sehr religiös waren; der Drang, mehr über den Buddhismus oder sogar das Christentum zu erfahren, war spürbar, die buddhistischen Tempel waren voll und von den Riesen-Räucherstäben, die überall brannten, hätte man sich bequem innerhalb von zwei Stunden eine Raucherlunge holen können. Eine Dozentin hat auf dem Campus offen für das Christentum missioniert; zu Weihnachten habe ich in ihrem Haus an einer Bibellesung mit mehreren ihrer Studenten teilgenommen.

Aber auch abgesehen von Religionsausübung ist der Eindruck, in China herrsche ein moralischer Wildwest-Zustand, völlig falsch. Der Konfuzianismus hat sich als zäher als der Maoismus erwiesen; er passt übrigens auch hervorragend zum Marxismus-Leninismus.

Der SpOn-Artikel ist also bestenfalls eine verfälschende Zusammenfassung des Originals – und diesem sollte man deshalb auch den Vorzug geben, meine ich. Oder bin ich da zu korinthenkackerisch drauf?

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