Hundert Fragen

An diesem Wochenende möchte ich die hundert Fragen aus Hessen einer methodischen Bewertung unterziehen. Ich werde dazu zuerst einige Grundsätze vorstellen, die bei der Erstellung von Prüfungsfragen üblicherweise beachtet werden sollten.

Prüfungsgrundsatz 1
In einer Prüfung dürfen nur Fakten, Erläuterungen und Ergebnisse bewertet werden. Persönliche Meinungen und Überzeugungen der Teilnehmer dürfen auf das Ergebnis keinen Einfluss haben.

Prüfungsgrundsatz 2
In einer Prüfung muss jede Aufgabe eine klare Handlungsanweisung enthalten und für den Teilnehmer muss damit eindeutig erkennbar sein, was von ihm erwartet wird.

Prüfungsgrundsatz 3
In einer Prüfung sollten die Punkte möglichst einheitlich gewichtet sein, weil sonst nicht das Wissen, sondern das Verhalten in der Prüfungssituation bewertet wird.

Prüfungsgrundsatz 4
In einer Prüfung müssen die Aufgaben voneinander unabhängig sein. Die Lösbarkeit einer Aufgabe darf also nicht von der Lösung einer vorhergehenden Aufgabe abhängig sein.

Prüfungsgrundsatz 5
In einer Prüfung müssen durch die Teilnehmer typische Anforderungen erfüllt werden. Randgebiete des Prüfungsgegenstands dürfen nur zu einen geringen Anteil vertreten sein; diese Fragen dienen dann der Abgrenzung der allerbesten Leistungen.

Prüfungsgrundsatz 6
In einer Prüfung müssen alle Teilnehmer die gleichen Chancen haben.


Empfehlung
Schauen Sie sich die hesslichen Fragen einmal nach diesen Gesichtspunkten an. Über meine Grundsätze darf gern diskutiert werden. Meine Meinung zu den Fragen poste ich in den Kommentaren oder in einem neuen Artikel ;-)


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4 Kommentare zu “Hundert Fragen”

  1. Marian Wirth
    19.03.2006 | 22:47

    stefanolix,

    ähhh…gibt es irgendeine Prüfung, die diesen Maßstäben (auf dem Papier) genügt? Hast Du schonmal eine Prüfung nach diesen Maßstäben abgelegt?

  2. 19.03.2006 | 23:01

    Ja, ich hoffe doch, dass es solche Prüfungen in D noch gibt. Zumindest habe ich selbst schon bei der Erstellung von Prüfungsaufgaben nach diesen Grundregeln mitgearbeitet.
    Und meine Prüfungen an der Uni sind zwar schon eine Weile her, aber im Kern haben auch diese Prüfungen die Anforderungen erfüllt. Wo hast Du denn gegenteilige Erfahrungen gemacht?

  3. Marian Wirth
    19.03.2006 | 23:58

    Na, bei der praktischen Durchführung von Prüfungen natürlich. Prüfungen sind immer ungerecht.

    Aber um auf Deine Hausaufgabe zurück zu kommen: Ich habe keine Lust, mir die 100 Fragen nochmal anzusehen. Kannst Du nicht ein paar Beispiele geben, worauf Du hinaus willst?

  4. 20.03.2006 | 7:07

    Gern. Prüfungen mögen immer ungerecht sein, aber es liegt bei den Fragestellern, die Ungerechtigkeit möglichst zu minimieren.

    Der Fragebogen enthält einige gebundene Fragen, auf die der Aufgabensteller genau eine spezielle Antwort erwartet, die aber auf viele andere Arten beantwortet werden können. Wenn in einer Prüfung solche Fragen gestellt werden, dann müssen mehrere Antwortmöglichkeiten vorgegeben werden, von denen i.d.R. eine richtige auszuwählen ist. Auf die Frage “Welches Ereignis fand am 20. Juli 1944 statt?” kann sonst auch geantwortet werden: “Am 20. Juli 1944 hat sich Goebbels bei einer Hetzrede verschluckt” oder “Am 20. Juli 1944 traf sich Hitler in seinem Hauptquartier mit Generälen der deutschen Wehrmacht”. Niemand kann alle Ereignisse kennen, die an diesem Tag stattgefunden haben. Der Prüfling kann aber weitere Ereignisse kennen und notfalls seine Lösung einklagen. Zu diesen falsch formulieren Fragen gehören unter anderem:

    Wann ging diese erste deutsche Republik zu Ende? [12]
    Welches Ereignis fand am 20. Juli 1944 statt? [18]
    Was geschah am 8. Mai 1945? [19]
    Welches Ereignis fand am 17. Juni 1953 in der DDR statt? [24]
    Was verstehen Sie unter dem deutschen “Wirtschaftswunder”? [25]
    Der 9. November hat in der deutschen Geschichte eine besondere Bedeutung. Welche Ereignisse fanden statt a.) am 9.11.1938 und b.) am 9.11.1989? [30]

    Richtig ist die Anwendung dieses Fragentyps, wenn nur eine Lösung möglich ist: die Frage “In welchem Jahr wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet?” ist natürlich in Ordnung.

    Die Aufgaben sind nicht gleich gewichtet. Einfache Fragen mit wenigen Nennungen sind mit komplexen Erläuterungen vermischt. Jede Frage bringt aber einen Punkt. Hier wird also eigentlich nicht Wissen geprüft, sondern Cleverness: wer sich die einfachsten 51 Fragen heraussucht, der hat bestanden. Übrigens ist die Bewertung bisher nicht richtig offengelegt worden, dazu gibt es widersprüchliche Aussagen und Vermutungen.

    Auf Gesinnungsfragen sind in der Regel heuchlerische oder auswendig gelernte Antworten zu erwarten. Ich habe ad hoc keinen Vorschlag, wie man das besser lösen könnte, aber diese Fragen sind nichts weiter als eine ABM für Beamte, Paukschulen und Juristen.

    Weitere Einwände heute am späten Abend, ich muss zur Arbeit und es wird ein langer Tag.

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