15. März 2006
Nichtkarnevalistischer Beitrag zu einem närrischen Thema
Bevor wir irgendetwas zu “deutsch-amerikanischen Beziehungen” schreiben, sollten wir uns doch mal fragen, ob so etwas überhaupt existiert.
Eine Imperium wie die USA hat für gewöhnlich drei Arten von Beziehungen. Nach dem Fall der Mauer besteht an einem Vasallenverhältnis kein allzu großes gegenseitiges Interesse mehr, und an Gegnerschaft zu denken wäre lächerlich – also ist Deutschland in die Reihe der Unbedeutenden Beziehungen einzuordnen. Deutschland ist ein weltpolitischer Nichtwert, niemand braucht es. Militärisch ein Witz, wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast, demografisch zum Tode verurteilt. Dummerweise liegt es noch mitten in Europa, und allein ein einiges Europa müsste von den USA auch nur annähernd ernst genommen werden, weshalb sie sich auch nach Kräften bemühen, eine tiefe Integration Europas zu untergraben, indem sie verschiedene Staaten gegeneinander ausspielen und sich konsequent für die Überdehnung der EU einsetzen.
Gemeinsame Ziele gibt es ebenfalls kaum noch. Zwar sind Deutschland und die USA an einer sicheren Energieversorgung und an einem friedlichen Welthandel interessiert, aber sie spielen dabei in anderen Ligen. Deutschland muss sich an die äußeren Bedingungen anpassen, die USA können sie mitgestalten.
Die Bedrohung durch den Islamismus mag ebenfalls oberflächlich eine Gemeinsamkeit darstellen, aber während sie in den USA überwiegend als äußere Bedrohung empfunden wird, die mit den klassischen Mitteln der Außenpolitik einschließlich kriegerischer Interventionen zur Ausdehnung des Imperiums zu bekämpfen wäre, kommt sie in Deutschland und Europa auch und überwiegend von innen. Die Attentäter von New York mussten extra einreisen, die von Madrid und London nur ihre Wohnungen verlassen.
Mit dem Zerfall des deutschen Wohlfahrtsstaats-Modells nach dem Ende des Kalten Krieges entfällt zusätzlich noch die Nützlichkeit als nicht hineinredender Finanzier von US-Aktionen. Insgesamt sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen also ein wenig dankbares Betrachtungsobjekt. Kein Wunder, dass man sich gegenseitig nur noch verzerrt wahrnimmt. Dass die USA als Nachfolger der Juden den linken und rechten Extremisten als Chiffre für einen bösen Kapitalismus herhalten müssen, war schon immer so. Relativ neu war dagegen, dass sich ein deutscher Kanzler dieser Ressentiments bedient hat, um seine Wiederwahl zu sichern. Um aus dem Status der Irrelevanz herauszutreten und sich zum Gegner zu befördern, reichte allerdings auch das nicht, zumal die angebliche Achse Paris-Berlin-Moskau nicht besonders überzeugend wirkte. Die einzige Gegenreaktion bestand darin, dass die USA in Folge auf höfliche diplomatische Floskeln verzichteten und die Rolle Deutschlands auch nach außen realistisch einordneten. Als Ausdruck völliger Verkennung der Realität muss vor diesem Hintergrund der deutsche Versuch betrachtet werden, sich durch einen Sitz im Sicherheitsrat zum weltpolitischen Mitentscheider und -gestalter aufzuschwingen. Er wurde auch standesgemäß mit einer höhnischen Ohrfeige beendet. Aber die vergangene deutsche Regierung war sowieso immer stärker in der Selbstinszenierung als in der Umsetzung. Die neue Koalition bringt deutlich mehr Vernunft mit und tut das Angemessene: sich anpassen und zurückhalten, Stärke in der Einheit und nicht in der Dominanz Europas suchend.
Kurz: Auf Regierungsebene wird das Verhältnis zu einem “normalen” werden. Es gibt keine großen gemeinsamen Projekte mehr. Teils wird man gegensätzliche, teils identische Interessen verfolgen, überwiegend sich ignorieren. Es gibt Schlimmeres.
Wohlgemerkt bezieht sich das nur auf die Ebene der Staaten, also Regierungen. Kulturell hingegen stehen Deutsche und Amerikaner sich nahe und teilen überwiegend gemeinsame Werte, mit wahrscheinlich größeren Unterschieden innerhalb der jeweiligen Bevölkerungen als zwischen ihnen. Wirtschaftlich nähert sich Deutschland auf fast allen Ebenen dem angelsächsischen Wirtschaftsmodell an und trägt wie der Rest der Welt gerne dazu bei, die Konsumwünsche der Amerikaner zu erfüllen und in den USA zu investieren. Der persönliche Austausch scheint in den letzten Jahren leider etwas gelitten zu haben, teils auch als Folge von Reiseunlust und Reisebeschränkungen nach den Attentaten. Dabei trägt nichts mehr dazu bei, sich von den Abziehbildern zu verabschieden, die da medial auf beiden Seiten des Atlantiks fröhlich verteilt werden.
Verfasst von Rayson um 17:26 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
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