Praktische Lebenshilfe: Der Asien-Knigge vom FOCUS

Da der intellektuelle Ernst dieses Blogs in den letzten Tagen, insbesondere durch die Beschäftigung mit einem komischen Ballspiel, ohnehin etwas gelitten hat, nutze ich die Gelegenheit, um auch noch das Segment “Praktische Lebenshilfe” für dieses Blog zu erschließen.

Eigentlich war ich ja auf der Suche nach Sloterdijk, als ich die Seite vom FOCUS aufrief. Aber dann bin ich über den Asien-Knigge gestolpert. In reinstem FOCUS-Deutsch heißt es zur Einleitung:

Die Gegensätze zwischen Asien und Europa bzw. Amerika schmelzen angesichts der Globalisierung dahin. Oft reichen ein guter Reiseführer, eine geschärfte Beobachtungsgabe und ein wenig Einfühlungsvermögen aus, um die lokalen Do´s und Dont´s zu erfassen. Der Asien-Knigge mit 20 Fragen führt durch den Dschungel der ungeschriebenen Gepflogenheiten.

Ich dokumentiere Fragen mit Bezug auf China:

Frage 1/20: Steckt man in asiatischen Ländern nach dem Essen die Stäbchen in den übrig gebliebenen Reis?

Ich möchte gern mal wissen, welcher Idiot als erster auf die Idee gekommen ist, seine Essstäbchen in den übrig gebliebenen Reis zu stecken. Die Warnung vor einem solchen Verhalten ist ein echter Dauerbrenner und kommt in fast jedem Sprach- oder Reiseführer vor. Die Antwort auf die Frage lautet (natürlich): NEIN!

Frage 2/20: In China ist es üblich, nach dem Essen am Tisch noch lange Konversation zu treiben.

Wie der FOCUS richtig bemerkt, ist diese Aussage falsch. Konversation macht man schon während des Essens stundenlang (wenn man die Zeit dazu hat). Wenn das Essen beendet ist, springen alle gleichzeitig auf und verlassen fluchtartig den Speiseraum.

Frage 3/20: Sind Blumen in China als Gastgeschenk üblich?

FOCUS meint: Nein.

Ich meine: Es kommt darauf an. Wenn man zum Beispiel bei einer Dozentin eingeladen ist, die sechs Jahre in Denver/Col. verbracht hat und von der allgemein bekannt ist, dass sie gelbe Rosen über alles liebt, dann sieht man ziemlich alt aus, wenn man den Ratschlag von FOCUS (und den aller anderen Reiseführer) befolgt und als einziger Gast keine Blumen mitbringt.

Schnittblumen und Haustiere sind etwas, was es laut diverser Reiseführer in China überhaupt nicht gibt. Jenseits der Reiseführer-Wirklichkeit ist es aber so, dass auch diese beiden westlichen Sitten (das Halten von Haustieren und das Aufstellen von Vasen mit Schnittblumen) in China als Symbol für (westliche) Modernität gelten und deshalb begeistert adaptiert werden. Ebenso wie Weihnachtsbäume mit Disko-Beleuchtung.

Frage 4/20: Beim Besuch von Tempeln ist es üblich, die Schuhe auszuziehen.

Die Chinesen sehen das nicht so eng. Bei dem Besuch von Tempeln sollte man vor allem darauf achten, dass man sich nicht an einem der RED BULL – Sonnenschirme den Kopf stößt.

Frage 11/20: Auch in China verbeugt man sich nur zur Begrüßung.

FOCUS meint:

Falsch! Chinesen sind keine Japaner. Im Reich der Mitte schüttelt man sich die Hände. Allerdings ist der Händedruck nicht so fest zupackend wie bei uns.

Ich meine: Es ist richtig, dass Chinesen keine Japaner sind. Es ist falsch, das man sich in China die Hände schüttelt.

Wenn man zwei Chinesen dabei beobachtet, dass sie sich die Hände schütteln, dann kann man davon ausgehen, dass die beiden gerade eine Übung machen, die sie im Diversity Management – Kurs ihres amerikanischen Arbeitgebers gelernt haben.

Und falls einen der Gastgeber mit einem breiten Grinsen und einem schraubzwingenartigen Handschlag begrüßt, dann handelt es sich wahrscheinlich um einen örtlichen KP-Kader, der zwei Jahre in Neuseeland verbracht hat. Alle anderen Chinesen und Chinesinnen geben weder sich noch einem Westler die Hand, weder zur Begrüssung noch zum Abschied. Insbesondere der Abschied gestaltet sich dadurch mitunter ziemlich abrupt.

Was die Verbeugung betrifft, so kommt auf den Anlass und den sozialen Rang der Beteiligten an. Mit einer leichten Verbeugung liegt man nie falsch.

Frage 15/20: Gastgeschenke werden in China und Japan sofort ausgepackt.

FOCUS meint:

Falsch! Gastgeschenke sollten immer eingepackt sein und werden vom Beschenkten nie vor Ihren Augen ausgepackt werden. Das wäre unhöflich.

Ich meine: Das ist eine Generationenfrage. Bei der Geburtstagsfeier einer meiner Schülerinnen waren die Geschenke (z.B. Tassen mit Winnie-the-Pooh-Motiv) in durchsichtiges Cellophan eingepackt – und wurden sofort ausgepackt und ausgiebig begutachtet. Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, irgendeinen billigen Plunder blickdicht verpackt zu überreichen, in der Annahme, das Geschenk werde ja ohnehin erst ausgepackt, wenn alle Gäste schon weg sind.

Frage 18/20: In Südostasien ist es unhöflich “nein” zu sagen.

FOCUS meint:

Richtig! In ganz Südostasien sagt man ungern “Nein”. Stattdessen gibt man lieber eine falsche Antwort, als zuzugeben, dass man nicht helfen kann.

Ich meine: Wenn es um Auskünfte oder bloße Wissensfragen geht, so ist diese Auskunft korrekt. Wenn es allerdings darum geht, ein Wollen (bzw. Nicht-Wollen) auszudrücken, so spielt es faktisch keine Rolle, ob man nun NEIN sagt oder nicht.

Für einen gesunden Mann ist es z.B. schlicht unmöglich, bei einem halbwegs offiziellen Essen keinen Alkohol zu sich zu nehmen. Falls man die Frage, ob man noch einen Schnaps wolle, mit NEIN beantwortet, so lautet die Antwort: “Alles klar! Kein Problem!” – und zwei Sekunden später bekommt man ein Glas mit Schnaps in die Hand gedrückt, welches doppelt so groß ist, wie das, was man mit Müh’ und Not vorher noch geleert hatte. Irgendwann hilft dann nur noch, lindgrün anzulaufen und leise Würgegeräusche von sich zu geben.

Jedenfalls kann man sich ein NEIN in den meisten Fällen einfach sparen – obwohl es sich mittlerweile auch in China herum gesprochen hat, dass es im Westen die Möglichkeit gibt, NEIN zu sagen und deshalb ein NEIN meistens nicht mehr mit großem Erstaunen zur Kenntnis genommen wird.

Anmerkung: Die gemachten Aussagen beziehen sich auf die Volksrepublik China, Provinz Guangxi. Letzter Kenntnisstand: 17. Januar 2005. In anderen Provinzen und zu anderen Zeitpunkten kann etwas ganz anderes gelten.

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14 Kommentare zu “Praktische Lebenshilfe: Der Asien-Knigge vom FOCUS”

  1. 8.03.2006 | 10:11

    Super. Du hast mit dem Focus wirklich zielsicher ein Thema getroffen, das noch viel blöder ist als Fußball.

  2. Marian Wirth
    8.03.2006 | 10:22

    David,

    diese Art von Asien-Knigge ist nun wahrlich nicht auf den FOCUS beschränkt. Man kann den Ratschlag, seine Stäbchen nicht in den Reis zu stecken, auch in Buchform erwerben – oder sich ähnliches von Diversity Managern auf einem Wochenend-Seminar für 2 TEURO erzählen lassen. Wenn dann der chinesische Geschäftspartner auch so ein Seminar gemacht hat, wird’s richtig lustig.

  3. 8.03.2006 | 11:49

    @Marian

    Das führt dann wirklich zu lustigen Phänomenen, wenn beide Seiten in ihrem Bemühen nach Anpassung an den anderen sozusagen die Seiten wechseln.

    Meine Erfahrungen als zwischenzeitlicher Weltreisender für einen deutschen Konzern: Da Asiaten wie alle anderen Menschen in der Regel weder dumm noch unhöflich sind, darf man nicht erwarten, sie genau so vorzufinden, wie die “Knigges” das beschreiben. Gerade wenn sie sich im Business-Umfeld bewegen, setzen sie bei ihren westlichen Gästen das Verhalten, dass diese auch zu Hause an den Tag legen (oder von dem sie annehmen, dass sie es tun), geradezu voraus. Man sollte also mit seinen per Seminar erworbenen Landeskenntnissen sparsam umgehen, um peinliche Situationen zu vermeiden. Wenn man sich in seinem Auftreten etwas zurückhält, freundlich und aufmerksam ist und ansonsten einfach das tut, was man in einer bestimmten Situation als höflich empfindet, kommt man meist gut zurecht.

  4. 8.03.2006 | 12:17

    hehe …

    naja, von Chinesen kann ich ein Lied singen!

  5. Marian Wirth
    8.03.2006 | 12:25

    Rayson,

    ich habe den Eindruck, dass zumindest bei älteren Japanern der Knigge noch einigermaßen intakt ist, während man sich bei Chinesen in dieser Hinsicht auf garnichts verlassen kann: es gibt junge Chinesen, die sehr traditionell denken – und Chinesen um die 60, die versuchen, ihre Verwirrung über die gewaltigen Veränderungen in China dadurch zu kompensieren, dass sie versuchen, selbst ihre Enkel an Modernität zu übertrumpfen.

    Ansonsten gebe ich Dir völlig recht – und frage mich, warum zumindest in der Wirtschaftspresse immer so ein Aufriß um den Knigge gemacht wird (ob das in Unternehmen auch so ist, kann ich nicht beurteilen).

    Wenn ich manche Geschichten über deutsche Mittelständler in China lese, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mitunter durch ein Verhalten scheitern, das sie in Deutschland besser auch unterlassen hätten bzw. unterlassen sollten.

    Allerdings ist China schon ein besonderes Pflaster, weil sich Moden manchmal innerhalb eines halben Jahres ändern können; hin und wieder kam es mir so vor, als ob geradezu ein kulturell bedingtes Fehlverhalten von mir erwartet wurde – entsprechend enttäuscht war die Reaktion, wenn ich mich richtig verhalten habe. Andererseits habe ich dadurch das Klischee bestätigt, dass Deutsche immer nach Perfektion streben ;-) .

  6. 8.03.2006 | 12:26

    @Herr S.

    Stell das mp3 doch mal ins Netz ;-)

  7. 8.03.2006 | 12:36

    @Marian: Das mit dem “Focus” meinte ich auch nicht themabezogen, sondern ganz allgemein…

  8. Patentizität
    8.03.2006 | 15:27

    Focus: Die Gegensätze zwischen Asien und Europa bzw. Amerika schmelzen angesichts der Globalisierung dahin.

    Wohlgemerkt: Der These einer weltweiten Einheitskultur durch Kapitalismus hängen manche Ökonomisten (= Marxisten und stramme Wirtschaftsliberale) schon seit Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts an.

    Ein Bekannter, früher Marxist, heute (wirtschafts)liberal, tat dies, obwohl er natürlich auf jede Menge konsumfreudiger Chinesen traf, spätestens mit Beginn eines dreijährigen Aufenthalts in Schanghai nicht mehr.

  9. w.
    8.03.2006 | 15:45

    “Fakten, Fakten, Fakten – und immer an den Leser denken”
    war da nicht was?

  10. Marian Wirth
    8.03.2006 | 17:14

    Patentizität,

    These einer weltweiten Einheitskultur durch Kapitalismus

    Ach ja, der “Kultur”-Begriff. Dem werde ich auch noch einen eigenen Eintrag widmen, versehen mit den Vorsilben Multi-, Welt- und Einheits-. Da lässt sich trefflich drüber diskutieren. Bei dem Ausdruck “strammer Wirtschaftsliberaler” sehe ich übrigens gleich schon wieder das Geweih des Hayek-Liberalen am Rande des Waldes aufblitzen…

    Ein Bekannter, früher Marxist, heute (wirtschafts)liberal, tat dies, obwohl er natürlich auf jede Menge konsumfreudiger Chinesen traf, spätestens mit Beginn eines dreijährigen Aufenthalts in Schanghai nicht mehr.

    Ich bitte um Verzeihung, aber einmal dunkles Geraune pro Eintrag (@ Herr S.) muß genügen. Da stelle ich an Dich schon höhere Ansprüche und bitte um nähere Auskünfte:

    Vertritt der Bekannte jetzt eine andere These – oder hat er sich einem thesenlosen Dasein verschrieben? Und was genau verursachte seinen Sinneswandel?

  11. Rayson
    8.03.2006 | 17:53

    @Marian

    Ich glaube, das mit den Chinesen und Herrn S. erschließt sich nach der Lektüre seines NYBlogs (siehe Blogroll).

  12. Marian Wirth
    8.03.2006 | 18:13

    Rayson,

    ich weiß. Aber ich habe ja Herrn S. nur erwähnt, um maßlosen Druck auf Patentizität auszuüben.

  13. Patentizität
    8.03.2006 | 18:16

    Vertritt der Bekannte jetzt eine andere These – oder hat er sich einem thesenlosen Dasein verschrieben? Und was genau verursachte seinen Sinneswandel?

    Genauer: Ich weiß nicht, ob er diese These je vertreten hat, gehe aber davon aus, dass er sie kennt.

    Aber wie auch immer, auf dem Hintergrund seines drei Jahre währenden sozialen Verkehrs mit verschiedenen Schanghaierinnen und Schanghaiern dürfte ihm dies

    Die Gegensätze [im Sinne von: kulturimmanente Verhaltensweisen im sozialen Nahbereich] zwischen Asien und Europa bzw. Amerika schmelzen angesichts der Globalisierung dahin*

    als unterkomplex und lächerlich erscheinen.

    Womit übrigens nicht bestritten sei, dass Wirtschaftsbeziehungen für interkulturelles Lernverhalten und Vermeidung von Missverständnissen förderlich sind; von einer umfassenderen Nivellierung von Unterschieden kann in diesem Zuge allerdings kaum die Rede sein.

    [Edit-Anmerkung, M.W.: Der letzte Satz wurde nach den Anweisungen des Kommentators geändert. Der Kommentar mit diesen Anweisungen wurde gelöscht.]

    Ach ja, der “Kultur”-Begriff. Dem werde ich auch noch einen eigenen Eintrag widmen, versehen mit den Vorsilben Multi-, Welt- und Einheits-. Da lässt sich trefflich drüber diskutieren.

    Es gibt nicht nur jede Menge Bindestrich-Kulturen bzw. Bindestrich-Kulturbegriffe.

    “Der” Kulturbegriff ist, sozialtheoretisch gesehen, wohl die Monsterkategorie schlechthin.

    Man weiß meistens zwar mehr oder weniger, was im einen oder anderen Fall mit Kultur gemeint ist, aber es gibt mindestens vier in ihrer Bedeutung signifikant voneinander abweichende Kulturbegriffe.

    *Ähnlich wie z.B. in den VAE: Hier trifft man kapitalistische Araber wie Sand am Meer. Die Annahme, ihr kapitalistisches Dasein habe sie insgesamt stark verwestlicht, wäre jedoch Kokolores.

  14. Marian Wirth
    9.03.2006 | 8:43

    Patentizität,

    vielen Dank! Ich wusste doch, dass ich mich auf Dich verlassen kann.

    von einer umfassenderen Nivellierung von Unterschieden kann in diesem Zuge allerdings kaum die Rede sein.

    Meines Erachtens kommt noch hinzu, dass durch die Entstehung (oder Schaffung) von Symbolen, Schablonen und Etiketten teilweise eine Nivellierung behauptet wird, die so gar nicht gegeben ist. Beispiele: Was hatte ein westdeutscher “Maoist” der 60er oder 70er Jahre mit Mao Zedong gemein? Haben “Tai Chi für Manager” oder in Deutschland praktizierte traditionelle chinesische Medizin etwas mit Tai Chi bzw. TCM zu tun? Und wollen Chinesen und Pakistani, die ein Osama Bin Laden – T-Shirt erwerben und tragen, damit dasselbe zum Ausdruck bringen?

    Man weiß meistens zwar mehr oder weniger, was im einen oder anderen Fall mit Kultur gemeint ist

    Ehrlich gesagt weiß ich es eben meistens nicht. Solange sich die Diskussion im kulturphilosophischen Raum bewegt, kann ich damit leben, dass zum Beispiel Norbert Bolz sonntags irgendwelche nicht belegten Aussagen darüber macht, wohin sich “die” Welt “unzweifelhaft” entwickeln wird. Aber ab Montag muss ich mir dann wieder Gedanken machen, welche praktischen Auswirkungen die unterschiedlichen Kulturbegriffe auf die Anwendung des Strafrechts oder die Integration von bestimmten Personengruppen im Rahmen der Kommunalpolitik haben. Aber damit bin ich schon mitten in einem neuen Blog-Eintrag…

    Herr S.,

    kannste nicht wenigstens einen Link aus Deinem Blog zum besten geben, bitte?

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