8. März 2006
Praktische Lebenshilfe: Der Asien-Knigge vom FOCUS
Da der intellektuelle Ernst dieses Blogs in den letzten Tagen, insbesondere durch die Beschäftigung mit einem komischen Ballspiel, ohnehin etwas gelitten hat, nutze ich die Gelegenheit, um auch noch das Segment “Praktische Lebenshilfe” für dieses Blog zu erschließen.
Eigentlich war ich ja auf der Suche nach Sloterdijk, als ich die Seite vom FOCUS aufrief. Aber dann bin ich über den Asien-Knigge gestolpert. In reinstem FOCUS-Deutsch heißt es zur Einleitung:
Die Gegensätze zwischen Asien und Europa bzw. Amerika schmelzen angesichts der Globalisierung dahin. Oft reichen ein guter Reiseführer, eine geschärfte Beobachtungsgabe und ein wenig Einfühlungsvermögen aus, um die lokalen Do´s und Dont´s zu erfassen. Der Asien-Knigge mit 20 Fragen führt durch den Dschungel der ungeschriebenen Gepflogenheiten.
Ich dokumentiere Fragen mit Bezug auf China:
Frage 1/20: Steckt man in asiatischen Ländern nach dem Essen die Stäbchen in den übrig gebliebenen Reis?
Ich möchte gern mal wissen, welcher Idiot als erster auf die Idee gekommen ist, seine Essstäbchen in den übrig gebliebenen Reis zu stecken. Die Warnung vor einem solchen Verhalten ist ein echter Dauerbrenner und kommt in fast jedem Sprach- oder Reiseführer vor. Die Antwort auf die Frage lautet (natürlich): NEIN!
Frage 2/20: In China ist es üblich, nach dem Essen am Tisch noch lange Konversation zu treiben.
Wie der FOCUS richtig bemerkt, ist diese Aussage falsch. Konversation macht man schon während des Essens stundenlang (wenn man die Zeit dazu hat). Wenn das Essen beendet ist, springen alle gleichzeitig auf und verlassen fluchtartig den Speiseraum.
Frage 3/20: Sind Blumen in China als Gastgeschenk üblich?
FOCUS meint: Nein.
Ich meine: Es kommt darauf an. Wenn man zum Beispiel bei einer Dozentin eingeladen ist, die sechs Jahre in Denver/Col. verbracht hat und von der allgemein bekannt ist, dass sie gelbe Rosen über alles liebt, dann sieht man ziemlich alt aus, wenn man den Ratschlag von FOCUS (und den aller anderen Reiseführer) befolgt und als einziger Gast keine Blumen mitbringt.
Schnittblumen und Haustiere sind etwas, was es laut diverser Reiseführer in China überhaupt nicht gibt. Jenseits der Reiseführer-Wirklichkeit ist es aber so, dass auch diese beiden westlichen Sitten (das Halten von Haustieren und das Aufstellen von Vasen mit Schnittblumen) in China als Symbol für (westliche) Modernität gelten und deshalb begeistert adaptiert werden. Ebenso wie Weihnachtsbäume mit Disko-Beleuchtung.
Frage 4/20: Beim Besuch von Tempeln ist es üblich, die Schuhe auszuziehen.
Die Chinesen sehen das nicht so eng. Bei dem Besuch von Tempeln sollte man vor allem darauf achten, dass man sich nicht an einem der RED BULL – Sonnenschirme den Kopf stößt.
Frage 11/20: Auch in China verbeugt man sich nur zur Begrüßung.
FOCUS meint:
Falsch! Chinesen sind keine Japaner. Im Reich der Mitte schüttelt man sich die Hände. Allerdings ist der Händedruck nicht so fest zupackend wie bei uns.
Ich meine: Es ist richtig, dass Chinesen keine Japaner sind. Es ist falsch, das man sich in China die Hände schüttelt.
Wenn man zwei Chinesen dabei beobachtet, dass sie sich die Hände schütteln, dann kann man davon ausgehen, dass die beiden gerade eine Übung machen, die sie im Diversity Management – Kurs ihres amerikanischen Arbeitgebers gelernt haben.
Und falls einen der Gastgeber mit einem breiten Grinsen und einem schraubzwingenartigen Handschlag begrüßt, dann handelt es sich wahrscheinlich um einen örtlichen KP-Kader, der zwei Jahre in Neuseeland verbracht hat. Alle anderen Chinesen und Chinesinnen geben weder sich noch einem Westler die Hand, weder zur Begrüssung noch zum Abschied. Insbesondere der Abschied gestaltet sich dadurch mitunter ziemlich abrupt.
Was die Verbeugung betrifft, so kommt auf den Anlass und den sozialen Rang der Beteiligten an. Mit einer leichten Verbeugung liegt man nie falsch.
Frage 15/20: Gastgeschenke werden in China und Japan sofort ausgepackt.
FOCUS meint:
Falsch! Gastgeschenke sollten immer eingepackt sein und werden vom Beschenkten nie vor Ihren Augen ausgepackt werden. Das wäre unhöflich.
Ich meine: Das ist eine Generationenfrage. Bei der Geburtstagsfeier einer meiner Schülerinnen waren die Geschenke (z.B. Tassen mit Winnie-the-Pooh-Motiv) in durchsichtiges Cellophan eingepackt – und wurden sofort ausgepackt und ausgiebig begutachtet. Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, irgendeinen billigen Plunder blickdicht verpackt zu überreichen, in der Annahme, das Geschenk werde ja ohnehin erst ausgepackt, wenn alle Gäste schon weg sind.
Frage 18/20: In Südostasien ist es unhöflich “nein” zu sagen.
FOCUS meint:
Richtig! In ganz Südostasien sagt man ungern “Nein”. Stattdessen gibt man lieber eine falsche Antwort, als zuzugeben, dass man nicht helfen kann.
Ich meine: Wenn es um Auskünfte oder bloße Wissensfragen geht, so ist diese Auskunft korrekt. Wenn es allerdings darum geht, ein Wollen (bzw. Nicht-Wollen) auszudrücken, so spielt es faktisch keine Rolle, ob man nun NEIN sagt oder nicht.
Für einen gesunden Mann ist es z.B. schlicht unmöglich, bei einem halbwegs offiziellen Essen keinen Alkohol zu sich zu nehmen. Falls man die Frage, ob man noch einen Schnaps wolle, mit NEIN beantwortet, so lautet die Antwort: “Alles klar! Kein Problem!” – und zwei Sekunden später bekommt man ein Glas mit Schnaps in die Hand gedrückt, welches doppelt so groß ist, wie das, was man mit Müh’ und Not vorher noch geleert hatte. Irgendwann hilft dann nur noch, lindgrün anzulaufen und leise Würgegeräusche von sich zu geben.
Jedenfalls kann man sich ein NEIN in den meisten Fällen einfach sparen – obwohl es sich mittlerweile auch in China herum gesprochen hat, dass es im Westen die Möglichkeit gibt, NEIN zu sagen und deshalb ein NEIN meistens nicht mehr mit großem Erstaunen zur Kenntnis genommen wird.
Anmerkung: Die gemachten Aussagen beziehen sich auf die Volksrepublik China, Provinz Guangxi. Letzter Kenntnisstand: 17. Januar 2005. In anderen Provinzen und zu anderen Zeitpunkten kann etwas ganz anderes gelten.
Verfasst von Marian Wirth um 02:40 Uhr in der Kategorie International (Trackback)
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