Der gemeine Bürger kriegt von all dem nichts mit, aber in der benachbarten Blogosphäre scheint es einen Konsens zu geben, der darauf hinaus läuft, dass jeder, der die Politik einer eher auf Falkenkurs befindlichen israelischen Regierung kritisiert, Antisemit sein muss. Ein genauerer Nachweis erübrigt sich, denn die Tat spricht für sich.
Man bemerke, dass dieser Vorwurf ein bequemer ist. Niemand muss sich mit den Argumenten von Antisemiten auseinandersetzen, also ist es äußerst praktisch, wenn man Gegenmeinungen in diese Kategorie einordnen kann. Der Vorwurf geht übrigens noch weiter. Nicht nur ist der Antisemit, der sich z.B. kompromisslos auf die Seite der Palästinenser schlägt, sondern auch der, der nicht bedingungslos jeden israelischen Militärschlag befürwortet, hat sich als solcher entlarvt.
Nun würde sich jeder lächerlich machen, der die Existenz von Antisemitismus negieren würde. Den gibt es selbstverständlich, und keine Gesellschaftsschicht, keine politische Richtung kann behaupten, dass er bei ihr nicht vorkommt. Und es ist auch gut, dass man hierzulande besonders empfindlich auf solche Regungen reagiert.
Eine Verabsolutierung der eigenen politischen Ausrichtung als die einzige nicht-antisemitische hingegen muss jedem vernunftbegabten Menschen als ebenso absurd erscheinen. Selbstverständlich bauen Staaten Mist, selbstverständlich machen Regierungen Fehler und selbstverständlich sind Militärs keine Chorknaben. Das gilt für jeden Staat, für jede Regierung, und für jedes Militär dieser Welt, also auch für das jeweilige israelische Pendant. Nun hat das antideutsche Paradigma, das in dem von mir angesprochenen Teil der Blogosphäre übernommen wurde, eine bewundernswerte Immunisierungsstrategie entwickelt: Es geht dabei darum, dem jeweiligen Kritiker zu unterstellen, dass seine Kritik nicht wirklich fallbezogen, sondern grundsätzlich und beliebig reproduzierbar ist, womit sie sich gegen den jüdischen Staat und damit gegen die Juden schlechthin richtete. In den meisten Fällen reicht diese Unterstellung, und falls nicht, wirft man dem Kritiker eben vor, dass er bei vergleichbaren Fällen nicht ebenso reagiert hat, womit sein Antisemitismus ebenfalls erwiesen wäre, auch wenn es natürlich tausend Gründe geben kann, warum jemand nicht alle Probleme dieser Welt gleichrangig kommentiert.
Wie gesagt, dass hier und da nicht auch Antisemitismus hinter diesen Meinungen stecken könnte, ist damit nicht gesagt, aber die Gleichsetzung befremdet.
Es gibt ebenso tausend Gründe, beim Geschehen in Nahost Sympathie für die Sache Israels zu empfinden, und tatsächlich finde auch ich viele Ansichten für nicht genug durchdacht bzw. zu sehr einer Anti-Position zu verdanken, die einseitig israelischen Aktionen eine Schuld zuschreiben wollen, ohne den Grund zu berücksichtigen, weswegen sie unternommen wurden. Der demokratisch verfasste Staat Israel ist ein von seinen Nachbarn permanent bedrohtes Konstrukt, und seinen Feinden ist jedes Mittel recht, ihn zu vernichten. Sich dies nicht vor Augen zu halten, ist vermutlich eine der gängigsten Unterlassungssünden nicht nur deutscher Israelkritiker.
Aber diese Demokratie hier, die deutsche, die lebt davon, dass unterschiedliche Meinungen zu verschiedenen Themen vertreten werden können. Zwar ist die Meinungsfreiheit hierzulande nicht so ausgeprägt wie anderswo und wie sie sich ein Liberaler vielleicht wünschen würde, aber selbstverständlich sind alle Formen von "Israelkritik" zulässig. Und das finde ich gut, auch wenn ich die meisten davon nicht teile. Dennoch: Ich halte als Liberaler nichts davon, Gegenmeinungen zu ächten, indem ich diejenigen, die sie äußern, zu Unmenschen erkläre, was ja mittlerweile zum Glück eine der Folgen ist, wenn jemand Antisemit ist.